chinesiches Zeichen

Buchmesse in Frankfurt:

Neue deutsche Übersetzungen chinesischer Literatur (Teil 1)

 

China ist Ehrengast der diesjährigen Frankfurter Buchmesse (14.-18. Oktober 2009). Aus diesem Anlass sollen in dieser und der folgenden Nummer von China heute ausgewählte deutsche Neuerscheinungen der chinesischen Literatur vorgestellt werden.

Eine Liste der deutschsprachigen Neuerscheinungen zu China (Internetadresse s.u.) führt über 40 Titel zur chinesischen Literatur auf, darunter auch Werke der klassischen Literatur sowie Werke von im Ausland lebenden, z.T. nicht mehr in ihrer Muttersprache schreibenden chinesischen Schriftstellern. Beschränkt man sich auf Erstausgaben und Übersetzungen aus dem Chinesischen, kommt man auf mehr als zwanzig neue deutsche Titel zur chinesischen Gegenwartsliteratur.

Bei den hier vorgestellten Titeln handelt es sich um eine subjektive Auswahl; es werden vorwiegend Werke berücksichtigt, die gesellschaftliche Fragen der chinesischen Gegenwart beleuchten oder sich der Bewältigung der jüngeren chinesischen Vergangenheit verschrieben haben.

www.buchmesse.de/imperia/celum/documents/China_Neuerscheinungsliste_2009.pdf

 

 

Alai. Ferne Quellen. Aus dem Chinesischen von Marc Hermann. Zürich: Unionsverlag 2009. 153 S. € 14,90. ISBN 3-293-00405-9

Diese Erzählung handelt von Verlusten: dem Verlust eines Kindheitstraumes, eines Jugendfreundes, aber auch dem Verlust einer unberührten Landschaft und der ursprünglichen Lebensweise der Tibeter.

Die heißen Quellen im Grasland von Songpan sind ein Ort der Verheißung - für den abseits der Dorfgemeinschaft lebenden Pferdehirten Gongba, der sich von ihnen die Heilung seiner Hautkrankheit erhofft, sowie für den Ich-Erzähler, der als kleiner Junge den Erzählungen des Pferdehirten lauscht. Die heißen Quellen werden für den Jungen zu einem Sehnsuchtsort. Er träumt von der Flucht dorthin, weg von dem stumpfsinnigen Leben der Produktionsgruppen und Volkskommunen der 1960er Jahre, die aus den einstigen tibetischen Nomaden sesshafte Bauern gemacht haben, „in der Erde festgewachsen wie Feldfrüchte“. In der Sprache der Propaganda heißt das: „Ein ruhiges, tätiges Leben ist ein Zeichen gesellschaftlichen Fortschritts“ - so die Worte des Lehrers in der Schule.

Die Quellen sind auch ein Ort der erotischen Verheißung, denn es heißt, schöne Frauen badeten dort nackt, manchmal gemeinsam mit Männern. Jahre später macht sich der Erzähler wirklich auf den Weg dorthin – er arbeitet jetzt als angestellter Fotograf im Kulturpalast des Autonomen Bezirks und soll mit seinen Aufnahmen den Fortschritt in der Region dokumentieren. Er trifft unvermutet seinen Jugendfreund Tschampa, der als Jugendlicher dem Dorfleben entronnen war, indem er zur Armee ging, und es inzwischen zum stellvertretenden Bezirksvorsteher gebracht hat. Tschampa möchte die heißen Quellen, die in seinem Bezirk liegen, touristisch vermarkten und benötigt dazu einen Fotografen. Doch der Ausflug zu den Quellen endet in einer Desillusionierung: Zwar ist die Landschaft dort noch unberührt, aber auch kein Ort mehr des vom Pferdehirten einst heraufbeschworenen Zaubers einer natürlichen und unbeschwerten Lebensweise.

Mit Tschampa, dem selbstherrlichen Kader, überwirft er sich. Dennoch lassen den Erzähler die Quellen nicht los. Als er sie, gleichsam magisch von ihnen angezogen, später noch einmal aufsucht, findet er eine verschandelte Landschaft vor. Das Thermalbad, das der inzwischen zum Kreisvorsteher aufgestiegene Tschampa um die Quellen bauen ließ, verrottet allmählich. So verbindet Alai in seiner melancholischen Erzählung die Klage um die Vergänglichkeit landschaftlicher Schönheit mit der Anklage gegen politische und ökonomische Fehlplanungen, die die Tibeter auch weiterhin, im Namen eines vermeintlichen Fortschritts, ihrer angestammten Lebensweise entfremden. Was seiner Kritik die Schärfe nimmt, ist die Tatsache, dass derjenige, der hier die Rolle des verhassten Kaders spielt, selbst ein Tibeter ist.

Alai 阿来 (geb. 1959) ist ein tibetischer Schriftsteller, der in chinesischer Sprache schreibt. Er stammt aus dem Autonomen Bezirk Barkam im Norden der Provinz Si­chuan, dem Grenzgebiet zu Tibet, lebt aber mittlerweile in der Hauptstadt Chengdu. Mit seinem Roman Chen’ai luoding (Fallen dust, 1998, als Roter Mohn 2004 auf Deutsch erschienen) erhielt er den renommierten Mao Dun-Literaturpreis. Alai wird auf der Frankfurter Buchmesse zu Gast sein. 

Liao Yiwu, Fräulein Hallo und der Bauernkaiser. Chinas Gesellschaft von unten. Aus dem Chinesischen von Hans Peter Hoffmann und Brigitte Höhenrieder. Mit einem Vorwort von Philip Gourevitch, einer Einführung von Wen Huang und einem Nachwort von Detlev Claussen. Frankfurt am Main: S. Fischer 2009. 539 S. € 22,95. ISBN 978-3-10-044812-5

Die 29 Gespräche, die in diesem umfangreichen Band versammelt sind, bilden ein Kaleidoskop von Geschichte und Geschichten und sind ein Beitrag zur „oral history“ Chinas, die der Schriftsteller Liao Yiwu 廖亦武 aus zahlreichen Interviews zusammengefügt hat. Er verleiht damit all denjenigen eine Stimme, denen normalerweise kein Gehör geschenkt wird und die aufgrund ihrer leidvollen Erfahrungen mit den politischen Kampagnen der jüngeren Vergangenheit oder aufgrund ihres niederen Gewerbes als Klomann, Gelegenheitsarbeiter oder Prostituierte zu den Randgruppen der chinesischen Gesellschaft gehören.

Liao zählt sich auch selbst zu diesen Ausgegrenzten. Als die Lehrmeister seines Lebens nannte er einmal den Hunger, die Schande, die Obdachlosigkeit und das Gefängnis. Geboren wurde er 1958, kurz vor dem sogenannten „Großen Sprung“, der China nicht den von Mao Zedong propagierten wirtschaftlichen Fortschritt brachte, sondern drei katastrophale Hungerjahre, die Millionen von Chinesen das Leben kosteten. Liao selbst starb als Kleinkind beinahe an einem Hungerödem. Während der Kulturrevolution wurde sein Vater zum Konterrevolutionär erklärt, was die Familie auseinanderriss. Liao schlug sich nach seinem Schulabschluss in verschiedenen Berufen durch und fing an, Gedichte zu schreiben, die er sowohl in offiziellen Literaturzeitschriften als auch in Untergrundpublikationen veröffentlichte. Seine Kritik an der Niederschlagung der Demokratiebewegung von 1989 führte ein Jahr später zu seiner Inhaftierung und zu einem vierjährigen Gefängnisaufenthalt voller traumatischer Erfahrungen. Gespräche mit Mitinsassen und Menschen, die er nach seiner Haftentlassung bei zahlreichen Gelegenheitsjobs kennengelernt hatte, ließen die Idee eines Buchprojektes in ihm reifen.

2001 brachte ein chinesischer Verlag Liaos Zhongguo diceng fangtanlu 中国底层访谈录 (Gespräche mit Menschen vom Bodensatz der Gesellschaft) heraus, die reißenden Absatz fanden. Doch wurde das Buch kurz darauf verboten und der Verleger bestraft. 2002 erschien das Buch im Maitian-Verlag in Taiwan, 2003 wurde eine kleine Auswahl der Gespräche auf Französisch publiziert (unter dem Titel L’empire des bas-fonds bei Bleu de Chine). Die Publikationsgeschichte der amerikanischen Übersetzung und Ausgabe The Corpse Walker: Real-Life Stories, China from the Bottom Up (Pantheon Books, 2008) schildert der Übersetzer Wen Huang in seiner instruktiven Einführung zur vorliegenden deutschen Ausgabe, die zwar in der Auswahl der Gespräche auf der amerikanischen Fassung basiert, deren Texte aber aus dem chinesischen Original übersetzt wurden.

Jedem der Gespräche, das nach dem jeweiligen Interviewpartner betitelt ist („Der Trauermusiker“, „Der alte Rechtsabweichler“, „Der Grabräuber“ etc.) geht ein Vorspann voraus, in dem Liao Yiwu seinen Gesprächspartner kurz vorstellt, das Zustandekommen des Gespräches erläutert und die Gesprächssituation schildert. Häufig nimmt er eine weite Anreise in entlegene Regionen seiner Heimatprovinz Sichuan auf sich oder die Interviews finden im Gefängnis statt und er ist bei der späteren Aufzeichnung auf sein Gedächtnis angewiesen, da er kein Tonbandgerät benutzen durfte. Seine Gesprächsführung ist behutsam, dank seiner Empathie gelingt es ihm, seinem Gegenüber auch die traumatischsten Erinnerungen zu entlocken.

Einige der Gespräche verraten eine Lust am Bizarren und Abnormalen und bewegen sich, ähnlich wie die „übernatürlichen Erzählungen“ (zhiguai) der traditionellen Literatur, im Grenzbereich von Fiktion und Realität - wie z.B. „Der Totenrufer“, der von der Sitte berichtet, Tote zur Bestattung in ihre Heimatregion überführen zu lassen, und zwar von zwei Männern, von denen einer die Leiche schulterte und seine unheimliche Last unter einem schwarzen Gewand mit einen hohen Hut verbarg. Weil der Träger aber aufgrund dieser Maskierung den Weg nicht genau erkennen konnte, war er auf seinen Partner angewiesen, der vor ihm herlief und ihm durch ständiges Rufen den Weg wies.

Die meisten Gespräche aber erzählen von Wunden, die die geschichtlichen Ereignisse der letzten Jahrzehnte in China geschlagen haben: von der Bodenreform 1952, bei der Grundbesitzer enteignet und unbarmherzig verfolgt wurden („Opfer der Bodenreform“); über die Anti-Rechts-Kampagne 1957, in der Intellektuelle und Bürgerliche in den Fokus der Kritik gerieten („Der alte Rechtsabweichler“); die Katastrophenjahre des Großen Sprungs, in denen die Hungersnot in vielen Gegenden sogar zu Kannibalismus führte („Der Arbeitsgruppenleiter“); die Kulturrevolution 1966–1976, in der parteiinterne Machtkämpfe China in ein gesellschaftliches Chaos stürzten („Der Rotgardist“); und schließlich die Demokratiebewegung und ihr blutiges Ende auf dem Tian’anmen-Platz 1989 („Der Konterrevolutionär“, „Die Familie eines Opfers des 4. Juni“).

Es wird deutlich, dass fast alle von Liao Yiwus Gesprächspartnern irgendwann in ihrem Leben unter die Räder der Politik geraten sind. Da bleibt kein Raum für Selbstbestimmung und individuelle Entfaltung, sondern allenfalls Resignation und Fatalismus. „Gegenüber einer Organisation wie der Kommunistischen Partei, die überall ist, wie die Luft, die man atmet, kann man sich nur in sein Schicksal fügen.“ („Der Komponist“, S. 177). - Das Nachwort des Soziologen Detlev Claussen sowie die Anmerkungen zu Namen und Begriffen erleichtern es auch dem in chinesischer Geschichte und Gegenwart nicht so kundigen Leser, die Gespräche in ihren jeweiligen Kontext einzuordnen.

Die Grausamkeit vieler der geschilderten Ereignisse macht das Buch zu einer oft erschütternden Lektüre, anders als es der lächelnde Friseur auf dem Schutzumschlag zu suggerieren scheint. Manchmal gerät Liao Yiwu selbst in Zweifel ob der Sinnhaftigkeit seines Vorhabens, individuelle Schicksale an die Öffentlichkeit zu bringen und dadurch das Leben „mit dieser zusätzlichen, völlig nutzlosen Traurigkeit und dieser kurzlebigen Betroffenheit“ zu beladen. „Die anständigste Antwort ist,“ so ermutigt er sich selbst, „dass dieses Volk eine Geschichte braucht. Sonst sind Staat, Volk, Regierung und derlei Dinge nichts als leere Worte, ein Wahnsinn, der den Menschen nichts bringt als Kummer und Katastrophen.“ (S. 257). Wo es keine kollektive Vergangenheitsbewältigung gibt, müssen die individuellen Erinnerungen an ihre Stelle treten.

Barbara Hoster

Aus: China heute 2009, Nr. 3, S. 191-193.



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