
Am 30. August 2009 wurde in der Stadt Ergun (E’erguna 额尔古纳, früher Labdarin) in der Inneren Mongolei, Nordostchina, zum ersten Mal seit fünfzig Jahren eine orthodoxe Kirche geweiht. Der Weiheritus für die Kirche des hl. Innozenz von Irkutsk wurde von einem älteren chinesischen orthodoxen Priester aus Shanghai, Michael Wang Quansheng, durchgeführt. An der Zeremonie nahmen auch der Priester Dionisiy Pozdnyaev aus Hongkong, Wang Yangming als Vertreterin des Religionsbüros sowie Gläubige aus Hailar, Harbin, Shanghai, Beijing und benachbarten Dörfern teil.
Die neugeweihte Kirche hat eine lange Geschichte. Das ehemalige Holzkirchlein von Ergun, das ebenfalls dem hl. Innozenz von Irkutsk geweiht war, wurde 1967 während der Kulturrevolution zerstört. 1990 wurde einer der orthodoxen Gläubigen, Genadiy Sun, Leiter der Abteilung für nationale Minderheiten und Religionen bei der örtlichen Regierung. Da die Regierung des Autonomen Gebiets Innere Mongolei im gleichen Jahr die Orthodoxie als eine der traditionellen Religionen des Gebiets anerkannte, konnte er nicht nur die Zustimmung für den Neubau der Kirche erhalten, sondern auch für ihre Finanzierung aus den Mitteln der lokalen Regierung, die für diesen Zweck 300.000 Yuan bereitstellte. Es war eine Art Wiedergutmachung für die Zerstörung auch der 17 anderen orthodoxen Kirchen des Autonomen Gebiets in der Zeit der Kulturrevolution. Aufgrund finanzieller Probleme zog sich die Bauzeit lange hin. Schließlich entstand in den Jahren 1990−1999 eine neue Steinkirche mit einer Fläche von 240 Quadratmetern. Am 14. Dezember 2000 wurde dann auch der Leiter der Gemeinde gewählt - Genadiy Sun.
Im selben Jahr begann aber ein neues Problem mit der Innenausstattung der Kirche. Die sibirische Diözese Chita-Transbaikalien, die durch die Entscheidung der Heiligen Synode vom 27. Dezember 2000 für Ergun und das gesamte Gebiet der Inneren Mongolei zuständig ist, schenkte der neugebauten Kirche eine Ikonostase. Diese wurde allerdings an der Grenze vom Zoll gestoppt. In den nächsten acht Jahren blieb der Tempel leer, nur ein paarmal fand dort eine Andacht statt. Erst im Jahr 2008 wurde erlaubt, die Ikonostase in der Kirche aufzustellen. Die Kirche bekam auch liturgische Gefäße und Gewänder.
Die Kirchenweihe in Ergun weist auf eine Neubelebung der Kontakte des Moskauer Patriarchats mit der chinesischen Regierung hin. Die nicht einfachen Gespräche, die im Februar 2009 mit dem Treffen zwischen dem neugewählten Patriarchen und dem Direktor des chinesischen Staatlichen Büros für religiöse Angelegenheiten (vgl. China heute 2009, Nr. 1, S. 15) begannen und in den letzten Monaten (u.a. am 28. Juli und 30. August) bei den Zusammenkünften von P. Pozdnyaev mit der Direktorin einer der Abteilungen des Staatlichen Büros für religiöse Angelegenheiten, Wang Yanming, fortgesetzt wurden, zeitigen die ersten Früchte. Bereits für den kommenden Oktober ist die nächste Weihe einer orthodoxen Kirche geplant - der neurenovierten Dormitio-Kirche auf dem Gebiet der Russischen Botschaft in Beijing (vgl. China heute 2008, Nr. 6, S. 249-250; 2009, Nr. 2, S. 80). Die Hoffnung ist also gerechtfertigt, dass in China bald auch wieder die ersten orthodoxen Priester geweiht werden dürfen.
Hoffnung besteht auch für einen besseren Dialog zwischen den orthodoxen und katholischen Christen der Region. Dieser Wunsch wurde kurz nach der Weihe der Kirche vom katholischen Bischof von Qiqihar, Josef Wei Jingyi, ausgesprochen, der den bisherigen Mangel an Kontakten zwischen den beiden Kirchen bedauerte.
Piotr Adamek
Quellen (2009): Interfax 31.8.; UCAN 11.09.; www.orthodox.cn 4.,12.07.; 30.08. (dort auch Foto der neuen Kirche).
Aus: China heute 2009, Nr. 3, S. 145-146.