chinesiches Zeichen

Religionspolitik, Hauskirchen und ausländische kirchliche Organisationen

In den letzten Monaten hat es interessante Entwicklungen im Bereich der Religionspolitik gegeben. So wurde in den quasi-offiziellen Medien (in der zur People’s Daily Mediengruppe gehörenden Global Times vom 6. Mai 2010 sowie in China Daily vom 3. Dezember 2009) das Thema Hauskirchen mehrfach offen angesprochen, insbesondere durch den Wissenschaftler Liu Peng (Pushi Institute for Social Science), der zum Thema Staat und Religion forscht. Offensichtlich haben die Hauskirchen ein solches Ausmaß erreicht, dass die Regierung an einer besseren Handhabung interessiert ist; denkbar wäre zum Beispiel die Registrierung von Hauskirchen ohne Anbindung an die Drei Selbst. Liu Peng selber hat u.a. in der Hongkong­er Publikation Lingdaozhe (Die politische Führungsperson) in den vergangenen Jahren kritische und interessante Vorschläge zu einer besseren Regelung des Verhältnisses zwischen den Religionen und dem Staat gemacht (Bände 25, 29, 32). Unter anderem hat er die Einführung von „Religionssonderzonen“ gefordert.

Im Verhältnis zu ausländischen christlichen Kirchen haben sich in den letzten Monaten ebenfalls interessante Allianzen ergeben. So konnte die US-amerikanische konservative christliche Gruppierung Focus on the Family ein Abkommen mit dem Bildungsministerium in Yunnan schließen. Die Lehrer der Provinz werden nun mit Unterstützung von Focus on the Family darin ausgebildet, Jugendlichen sexuelle Enthaltsamkeit nahezubringen.

Darüber hinaus konnten die Mormonen ein Abkommen mit der chinesischen Regierung schließen, nach dem es Angehörigen der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage in China möglich sein soll, ihren Glauben offen zu leben. Während sich das Abkommen offensichtlich auf in China lebende ausländische Mormonen bezieht, stellt sich implizit die Frage nach chinesischen Angehörigen der Heiligen der Letzten Tage, wenn auch ein offizieller Vertreter der Kirche betont, man werde keine Missionare ins Land schicken.

Es liegt nahe, hinter derartigen Allianzen mit ausländischen christlichen Organisationen pragmatische Gründe zu vermuten. So weist ein Blogger auf der Seite des Stand­ard-Examiner zynisch auf den immensen Reichtum der Heiligen der Letzten Tage hin, während man das Yunnan-Beispiel auch als Zeichen einer gewissen Ratlosigkeit  hinsichtlich der Wertevermittlung an die junge Generation deuten kann – die Tatsache, dass man eine ausländische evangelikale Gruppierung, wenn auch unter der Auflage der Säkularität, für eine solche Aufgabe mit ins Boot holt, weist vor allem darauf hin, dass das gegenwärtige Sexualverhalten der Jugendlichen in Yunnan den Behörden offensichtlich Kopfzerbrechen bereitet.

Katrin Fiedler

Weitere Quellen (2010): Standard-Examiner 30.08.; Washington Post 3.09.

From: China heute 2010, No.3, pp. 142-143.



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