chinesiches Zeichen

Die Ernte ist groß

Ein kleines Dorf in der Provinz Hebei an einem für die Jahreszeit ungewöhnlich kalten Tag im November: Wir haben uns in einem schäbigen Kirchlein versammelt, wo uns die Gläubigen erzählen, wie sie Christen geworden sind. Vor dem Jahre 2000 gab es gerade mal fünf alte Katholiken in dem Dorf mit wenigen Hundert Einwohnern, dann wurde eine Frau getauft, die sich nicht scheute, den anderen Dorfbewohnern begeistert über ihre Erfahrungen zu berichten. Heute zählt das Bauerndorf dank des Missionseifers der Neugetauften bereits 100 Christen.

„Wenn ich die ganze Welt gewinne, aber meine Seele verliere, nützt es mir nichts“, erzählt Frau Li, eine Frau in den Dreißigern. Sie habe immer gespürt, dass es etwas Größeres gibt, das sie durch ihr Leben trägt. Erst als sie mit der Kirche in Kontakt kam, sei ihr plötzlich aufgegangen, dass es Gott ist, der sie und das ganze Universum in der Hand hält. Eine andere Frau berichtet, wie eine ganze Familie gläubig wurde. Innerhalb kurzer Zeit verstarben die Eltern und die Ehefrau des jungen Zhu. Er hatte für sich und seine zwei Kinder jegliche Hoffnung verloren. Frauen aus der Gemeinde besuchten die Familie regelmäßig, bezahlten das Schuldgeld für die Kinder und überbrachten Saatgut. Nach einem Jahr ließen sich alle drei taufen.

Diese und ähnliche Geschichten hört man vielerorts in China. Die Chinesen sind erfinderisch. In derselben Diözese erzählte uns der Bischof, seine Katholiken gehen im Winter, wenn auf den Feldern kaum etwas zu tun ist und die Bauern viel Zeit in ihren Häusern verbringen, regelmäßig in die Nachbardörfer, um mit den Nichtchristen ins Gespräch zu kommen. So lässt manch einer Luft aus seinem Fahrradreifen, um unter diesem Vorwand Einlass in die Häuser zu finden! In einer Kreisstadt in der Provinz Shaanxi mit 700.000 Einwohnern hat der Gemeindepriester das Motto ausgegeben: „Jedes Gemeindemitglied soll missionieren.“ Zwei große Gruppen haben sich gebildet: die alten Menschen, die für die Evangelisierung beten, und die jungen, die den Glauben unter ihren Freunden verbreiten. Auf diese Weise kommen jedes Jahr bei derzeit 1.000 Katholiken 120-140 Neuchristen hinzu.

Dies sind Beispiele für die Lebendigkeit der katholischen Kirche in China, deren Mitgliederzahl kontinuierlich steigt. In vielen Diözesen finden jährlich Hunderte, wenn nicht gar Tausende Erwachsenentaufen statt. Die Stadt Beijing zählt 2.000 Erwachsenentaufen pro Jahr bei momentan 50.-60.000 Katholiken in der Diözese. Insgesamt gibt es in ganz China heute etwa 13-14 Mio. Katholiken, dies entspricht allerdings nur einem Prozent der Gesamtbevölkerung. Der Großteil der Gläubigen lebt auf dem Land, aber auch in den Städten wächst das Interesse am Christentum. An Weihnachten zogen die Gottesdienste überall wieder Tausende von Neugierigen an.

Beschränkte Freiheit vor boomender Fassade

Wenn man durch China reist, hat man auf den ersten Blick das Gefühl, man bewegt sich in einer völlig freien Welt. Die Modernisierung erschlägt einen geradezu, vor allem in den Großstädten, aber auch auf dem Land zeigen sich enorme Veränderungen. Fuhr man vor wenigen Jahren unmittelbar außerhalb der Städte noch auf Feldwegen, so führen heute mehrspurige Autobahnen und Alleen selbst in entlegenere Regionen. Die Dörfer entlang dieser Straßen sind wohlhabender geworden. Viele Bauern haben neue Häuser gebaut – vor allem mit dem Geld der Verwandten, die den Winter über in den Städten arbeiten.

In manchen Gebieten wie den Provinzen Hebei (um Peking) und Shaanxi (im Nordwesten Chinas) sehen wir von der Autobahn aus auch immer wieder Dörfer mit kleineren Kirchen – ab und an auch gewaltigen Prachtbauten. Viele Kathedralen in den Großstädten sind neu renoviert mit einladenden Plätzen vor den Gebäuden. Man kann frei an den Gottesdiensten der offiziellen Kirche teilnehmen. Es gibt intensive Jugendarbeit, und die Kirche engagiert sich zunehmend im sozialen Bereich, in dem es enorme Probleme gibt. Sie betreut kleine Kliniken und Ambulanzen, Behindertenheime und Waisenhäuser, Altenheime und Kindergärten, arbeitet mit Aids- und Leprakranken.

In der Tat sind gewaltige Entwicklungen zu verzeichnen – auch innerhalb der chinesischen Kirche. Doch bei der scheinbaren Freiheit bleibt vieles Fassade. Die Bischöfe beklagen sich. Auch diejenigen der offiziellen Kirche können sich nicht frei bewegen, die staatliche Religionspolitik schränkt die Freiräume der Kirche nach wie vor stark ein. Im Untergrund gibt es weiterhin Bischöfe und Priester, die in Haft sind oder unter Hausarrest stehen. Für alles bedarf es einer Genehmigung, auch in der offiziellen Kirche. Der Staat mischt sich in die Verwaltung der Diözesen und Gemeinden, die Besetzung von Ämtern, die theologische Ausbildung des kirchlichen Personals ein, er kontrolliert die Kontakte mit dem Ausland, Telefone werden abgehört, Briefe und Mails abgefangen, um nur einige Bereiche zu nennen. Vieles hängt ab von der Geschicklichkeit der einzelnen Bischöfe und Priester – und dem Wohlwollen der Regierungsbeamten vor Ort.

Interne Probleme und Ruf nach Versöhnung

Neben politischen hat die Kirche auch mit internen Problemen zu kämpfen. Die Zahl an Priester- und Schwesternberufungen geht deutlich zurück. Jahrelang gab es einen regelrechten Boom an Berufungen. Hier ist in den letzten 3-4 Jahren ein ziemlich abrupter Wandel eingetreten. Einige kleinere Priesterseminare stehen inzwischen – neben politischem Druck – mangels genügender Studentenzahlen vor der Schließung, die Gruppen der neu aufgenommenen Schwestern sind auffallend kleiner geworden. In einer Diözese, die bei unserem letzten Besuch noch eine sehr große Gruppe von Novizinnen hatte, führt ein übersichtliches Grüppchen von jungen Mädchen einen Begrüßungstanz für uns auf. Die Bischöfe und Oberinnen nennen uns unterschiedliche Gründe für den Rückgang: die Ein-Kind-Politik spielt eine wesentliche Rolle, Eltern sind oftmals nicht gewillt, ihren einzigen Nachwuchs abzugeben. Ein anderer Grund ist der ständig wachsende Materialismus, der sich auch auf die jungen Menschen aus den traditionellen katholischen Familien auswirkt; sie sind nicht mehr so stark in ihrem Glauben verwurzelt. Vor allem in den Städten hat dies dramatische Folgen: die Bischöfe in den chinesischen Großstädten müssen allesamt Priester aus den Provinzen „importieren“. Dies und der gesellschaftliche Wandel verlangen neue Wege des Gemeindelebens und ein stärkeres Einbeziehen der Laien, was – wie oben beschrieben – vielerorts bereits geschieht.

Eines der großen Themen des Briefes, den Papst Benedikt XVI. Ende Mai 2007 an die chinesische Kirche schrieb, ist das Thema Versöhnung und damit die Überwindung der Spaltung in eine offizielle und eine inoffizielle Kirche. Diese Spaltung reicht bis in die 1950er Jahre zurück, als die chinesische Regierung der katholischen Kirche jede strukturelle Verbindung mit dem Vatikan verbot. Die sogenannte inoffizielle Kirche im Untergrund hat sich von Anfang an geweigert, mit der staatlich verordneten Patriotischen Vereinigung zusammenzuarbeiten. Sie wird vom Staat als illegal betrachtet, teils wird sie von den Behörden toleriert, teils mit unterschiedlicher Härte unterdrückt. Es gibt auch einen relativ offenen Untergrund, das heißt z.B. Bischöfe, die vom Staat nicht als Bischöfe anerkannt und somit „illegal“ sind, aber offen in einer Kirche residieren. Die Grenze zum staatlich anerkannten offiziellen Teil der Kirche ist fließend. Heute empfinden sich die Katholiken –gleich ob staatlich anerkannt oder nicht – definitiv als Teil der Weltkirche. Trotzdem besteht die Spaltung weiter. Die Kirche hat die Versöhnung bitter nötig; zu viele Energien gehen durch interne Kämpfe verloren. Inzwischen gibt es vielfache Bemühungen. Mehrere Bischöfe erzählen uns von Versöhnungsgottesdiensten zwischen offiziellen und Untergrundkatholiken in ihren Diözesen, andernorts bleibt das Verhältnis jedoch schwierig. Man traut einander nicht. In einer Stadt versammeln sich die Untergrundkatholiken seit vielen Jahren im Hof neben der Kirche, um gemeinsam den Rosenkranz zu beten, während drinnen die Katholiken der offiziellen Kirche die Messe feiern. Dies ist auch nach Erscheinen des Papstbriefes noch der Fall. Ein offizieller Bischof berichtet uns, dass die wenigen Untergrundpriester in seiner Diözese nicht mit ihm kooperieren wollen. Der Untergrund hingegen fordert mehr Mut von den offiziellen Bischöfen, vor der Regierung ihren eigenen Standpunkt zu vertreten. Auch beklagt er sich, dass Rom zu schnell Kompromisse eingehe, was Bischofsernennungen für die offizielle Kirche anbelange.

Das Durchschnittsalter der chinesischen Bischöfe ist in den letzten Jahren deutlich gesunken. Nachdem es jahrelang zwischen 70 und 80 lag, sind heute immer mehr Bischöfe um die 40. Es sind vielfach beeindruckende Persönlichkeiten, die ihre Diözesen mit großem Elan voranbringen wollen. Eine Generation von Priestern zwischen 50 und 60 fehlt aufgrund der Kulturrevolution komplett. Jedoch ist es nicht überall einfach, geeignete Kandidaten für das Bischofsamt zu finden. Zudem ist auch hier der politische Druck groß. Im Jahre 2006 kam es mehrfach vor, dass Bischöfe der offiziellen Kirche ohne Zustimmung Roms geweiht wurden. Bei den Bischofsweihen 2007 konnte jedoch eine Lösung gefunden werden, bei der – wie auch schon in Vorjahren – eine Anerkennung sowohl seitens Roms wie auch der chinesischen Regierung vorlag. Die Einheit mit Rom und dem Papst ist für die jungen Bischöfe von größter Wichtigkeit. Auch boykottieren die meisten Gläubigen schlichtweg Bischöfe, die nicht von Rom anerkannt sind.

Wissenschaftliches Interesse am Christentum

Ein interessantes Phänomen, das allerdings außerhalb der Kirche steht, ist das wachsende wissenschaftliche Interesse an Religion und Christentum in China. Ein Professor in Beijing erzählte uns, dass an vielen Akademien und über 20 chinesischen Universitäten Christentumsforschung betrieben werde. Dort beschäftigen sich schon seit Jahren ernstzunehmende Wissenschaftler intensiv mit dem Phänomen des Christentums und veröffentlichen ihre Erkenntnisse auch. Die Kontakte zwischen diesen Akademikern und Kirchenvertretern nehmen allmählich zu, auch dank der wachsenden Zahl von jungen chinesischen Priestern und Schwestern, die im Ausland studiert haben und nach China zurückgekehrt sind.

Jung und Alt als Hoffnungsträger der Kirche

Die chinesische Kirche steht vor vielen Herausforderungen. Ihr größtes Potential sind – wie überall – die Menschen. Die Jüngeren, die sich mit beeindruckender Tatkraft in der Kirche engagieren, aber auch die Älteren, die mit größerer Gelassenheit ihren Platz einnehmen. In einer Diözese sprechen wir mit zwei alten Priestern, die während der Kulturrevolution viele Jahre in Haft verbrachten, einer der beiden war 17 Jahre im Arbeitslager, der andere 13 Jahre im Gefängnis. Der eine ist seit 14 Jahren blind, der andere gehbehindert. Die beiden leisten mit ihren 85 Jahren zwar keine große Missionierungsarbeit mehr, aber sie unterstützen sich gegenseitig, besuchen sich in den spärlich eingerichteten benachbarten Zimmern und feiern gemeinsam die Messe. Vor allem aber hinterlassen sie einen Eindruck von Fröhlichkeit und Leichtigkeit, der uns beschämt und gleichzeitig mit Hoffnung auf die Zukunft der Kirche in China blicken lässt.

Quelle: Hirschberg, Jahrgang 61, Ausgabe Nr. 2, Februar 2008, S. 98-101.



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