
Zwei Monate sind bereits vergangen, seit der Brief des Hl. Vaters die katholischen Christen Chinas und die Weltöffentlichkeit erreicht hat. Wie weit sich im Rückblick Erwartungen erfüllt haben, ist nochschwer zu erfassen. Die positiven Reaktionen überwiegen, aber auch Enttäuschungen wurden laut, Kontroversen über das rechte Verständnis des päpstlichen Schreibens blieben nicht aus; eine Aufbruchstimmung war nicht wahrzunehmen. Ob sich aufgrund des Briefes wirklich etwas ändert, muss sich erst noch zeigen.
Bei den Regierungsstellen war eine misstrauische Vorsicht im Umgang mit dem Brief des Papstes festzustellen. Auf eine offizielle Stellungnahme, abgesehen von der ständig wiederholten Feststellung, dass die Regierung immer zum Dialog bereit sei unter der Bedingung, dass Rom sich nicht in die inneren Angelegenheiten des Landes einmische und dass die diplomatischen Beziehungen des Vatikans mit Taiwan aufgegeben werden müssten, wartete man vergeblich.
Ende Juli machte ein Interview im Medienwald die Runde, das allgemein große Beachtung gefunden hat. Es wurde von einem Vertreter der italienischen Tagszeitung La Repubblica mit dem stellvertretenden Vorsitzenden der Patriotischen Vereinigung, Herrn Liu Bainian, geführt. Die Chinesische Katholische Patriotische Vereinigung ist eine vom Staat 1957 eingeführte Organisation, welche die Aufgabe hat, die Leitung und Verwaltung der Kirche in die Hand zu nehmen, um eine von Rom unabhängige nationale Kirche aufzubauen. In dem Interview sagte Herr Liu, dass die päpstliche Botschaft als Zeichen einer „positiven“ Entwicklung bewertet werden könne. Vor allem verzichte der Papst in seinem Brief auf die sonst üblichen Angriffe auf den Sozialismus, die Rolle der Patriotischen Vereinigung und die Haltung der Regierung. Die Patriotische Vereinigung, der er über Jahrzehnte gedient habe, sei nie vom Kurs des Apostolischen Stuhles abgewichen. Sie werde immer die Autorität des Papstes in Sachen Religion anerkennen. Jedoch müsse die chinesische Kirche ihre politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit erhalten, ohne welche sie wieder in koloniale Abhängigkeit geraten würde. Der Hl. Vater, der später um eine Stellungnahme zu den Worten des Herrn Liu gebeten wurde, enthielt sich klugerweise einer Antwort und meinte nur: „Der eigentliche Sachverhalt ist recht kompliziert.“
Ich hatte Ende Juli zwei Wochen Gelegenheit, in China selbst und vor Ort die Reaktion auf das Schreiben des Hl. Vaters in Augenschein zu nehmen. In der Öffentlichkeit, ich denke da vor allem an den Bereich der kirchlichen Öffentlichkeit, wurde kaum vom Papstbrief gesprochen. In den Gottesdiensten, an denen ich die Möglichkeit hatte, teilzunehmen, wurde der Brief überhaupt nicht erwähnt, weder vom Bischof noch vom Priester. Erst im kleineren Kreis und im privaten Gespräch mit Bischöfen, Priestern und Laien zeigte sich, dass sich der Klerus und das christliche Volk trotz der gebotenen öffentlichen Zurückhaltung durchaus intensiv mit dem Brief des Papstes beschäftigten. Der Brief wurde durchweg in seinen wesentlichen Aussagen und in seiner Grundintention als pastoral bedeutsam erkannt und als ein Zeichen der Hoffnung und eine Stimme der Ermutigung verstanden. Manche Mitglieder der Kirche, sowohl im so genannten Untergrund, aber auch in der von der Regierung anerkannten offenen Kirche, hätten jedoch konkretere Hinweise und Richtlinien erwartet, um sie aus ihrer konfliktgeladenen und widersprüchlichen Lage zu befreien und zu einem neuen Aufbruch zu verhelfen.
Der Brief Papst Benedikts an die katholische Kirche Chinas spricht für alle, die seinen pastoralen Schwerpunkt erkennen, eine klare Sprache. Es geht dem Papst wesentlich darum, eine grundsätzliche Orientierung zu geben, ohne aber den Problemen, die durch den tragischen Ablauf der Geschichte der vergangenen fünfzig Jahre geschaffen wurden, aus dem Wege zu gehen. Das Hauptanliegen, das sich wie ein roter Faden durch den ganzen Brief zieht, ist die Integrität der Kirche, die Gemeinschaft der Gläubigen mit der Universalkirche und ihre Verbindung mit dem Papst, dem sichtbaren Haupt dieser Kirche.
Dass viele Angehörige der Untergrundkirche die Treue zur Kirche unter Beweis gestellt und dafür gelitten haben, wird in dem Brief anerkannt. Es wird aber auch darauf hingewiesen, dass ein Wandel stattgefunden hat und in Anbetracht der Tatsache, dass der Großteil der Bischöfe Chinas inzwischen von Rom anerkannt ist, mehr Offenheit möglich ist. Die Bereitschaft zum Dialog als Voraussetzung für konkrete Schritte der Versöhnung wird nahe gelegt. Früher der Untergrundkirche verliehene Privilegien, die für die damalige Zeit zur strengen Wahrung der katholischen Identität ihre Bedeutung hatten, werden aufgehoben. Damit ist eine größere Offenheit gegeben, die soweit geht, dass der Papst zugesteht, dass Angehörige der Untergrundkirche im sakramentalen Bereich sich an Bischöfe und Priester wenden können, die Mitglieder der offenen Kirche sind, vorausgesetzt, dass diese vom Papst anerkannt sind und sich zu dieser Gemeinschaft mit dem Papst und der Universalkirche bekennen.
Im Zusammenhang mit der Lehr- und Leitungsaufgabe der Bischöfe weist der Papst erneut darauf hin, dass dort, wo in der Kirche versucht wird „die Prinzipien der Unabhängigkeit und Autonomie, der Selbstverwaltung und der demokratischen Administration“ zu verwirklichen, dies mit der katholischen Lehre unvereinbar sei. Dagegen wiesen hohe Vertreter der Regierung bei der Feier des 50-jährigen Bestehens der Patriotischen Vereinigung am 25. Juli in Beijing darauf, wie groß das Verdienst der Patriotischen Vereinigung gerade darin bestehe, dass es ihr gelungen sei, die Unabhängigkeit der katholischen Kirche voranzutreiben und dass dies auch weiterhin das erklärte Ziel dieser Organisation bleiben solle.
Auch die Ausführungen des Papstes über die Ernennung der Bischöfe stehen im Gegensatz zu der von staatlicher Seite vertretenen Praxis der Bischofsernennungen. Die Regierung nimmt über die Patriotische Vereinigung für sich in Anspruch, Bischöfe zu ernennen und betrachtet die Forderungen Roms, dieses Recht als Bestandteil der Wesensstruktur der Kirche wahrzunehmen, als politische Einmischung in die inneren Angelegenheiten Chinas.
Es ist bis jetzt dem Vatikan nicht gelungen, die Regierung der VR China zu überzeugen, dass die Kirche keine politische Gemeinschaft ist und auch keine politischen Ambitionen hat, sondern dass es ihr nur um das spirituelle Wohl der Gläubigen und die Verwirklichung christlicher Werte geht, zu denen ja auch die von der chinesischen Regierung geforderte Liebe zum Vaterland gehört. Aber auch angesichts dieser Gegensätzlichkeit bringt der Papst im Brief die Bereitschaft zum Ausdruck, mit der VR China konkrete Wege der Kommunikation zu finden, um die Missverständnisse der Vergangenheit zu beseitigen und eine Lösung zu finden, die den Ansprüchen beider Seiten gerecht wird.
Ein erneuter Testfall, wie weit Bereitschaft auf Seiten Beijings vorhanden ist, auf Kommunikation und Kooperation mit Rom einzugehen, ist wohl auch die Wahl des neuen Bischofs von Beijing, des Nachfolgers des am 20. April verstorbenen Bischofs Fu Tieshan. Mit überzeugender Mehrheit und auf „demokratische“ Weise wurde am 16 Juli von einem 93- köpfigen Gremium der Beijinger Erzdiözese, bestehend aus 47 Priestern, 8 Schwestern und 38 Laienchristen der Priester Josef LI Shan zum Nachfolger im Bischofsamt gewählt. Der Staatssekretär des Vatikans, Kardinal Tarcisio Bertone, hat sogleich wissen lassen, dass der Kandidat auch für Rom akzeptabel sei. Nun wartet man in Rom auf das offizielle Gesuch aus Beijing um die Anerkennung des gewählten Kandidaten. Ob das geschieht? Es käme einem kleinen Wunder gleich. In kluger Voraussicht, dass der Weg, den die Kirche Chinas noch zu gehen hat, von immensen Schwierigkeiten begleitet sein wird, hat der Hl. Vater denn auch am Ende seines Briefes seine Zuflucht zur Gottesmutter genommen und den 24. Mai, den liturgischen Gedenktag der Allerseligsten Jungfrau Maria unter dem Titel Hilfe der Christen – weltweit zum Gebetstag für die Kirche Chinas bestimmt.
Der Autor, P. Anton Weber SVD, ist Direktor des katholischen China-Zentrums in St. Augustin.
Quelle: missio korrespondenz, Nr. 3/2007, S. 5-6