chinesiches Zeichen

Konferenz: Aufbau einer harmonischen Gesellschaft und Sozialarbeit

Vom 9. bis 13. Mai 2007 fand in Shanghai eine Ko­ope­ra­ti­onsveranstaltung des Katholischen Akademischen Aus­län­der­dienstes (KAAD, Bonn) mit Misereor und der Shang­hai Academy of Social Sciences (SASS) statt. Mit dem Kol­loqui­um zum Thema „Aufbau einer harmonischen Ge­sell­schaft und Sozialarbeit“ kam eine Trilogie von Ver­an­stal­tun­gen zum Abschluss, die 2005 mit einer Konferenz zum The­ma „Con­flicts in Social Transformation“ in Shang­hai be­gonnen hat­te und mit der Konferenz „Migration und ih­re so­zialen Fol­gen“ in Mainz 2006 (Bericht in China heu­te 2006, Nr. 4-5, S. 140f.) fortgesetzt worden war. Das drei­stufige Ge­samt­projekt war zugleich ent­wick­lungs­po­li­tisch und welt­kirch­lich orientiert. Festzustellen ist, dass durch die Ver­an­stal­tungen die Grundlagen für ein weiteres kon­struk­tives Mit­einander kirchlicher und staatlicher Ein­rich­tun­gen in Chi­na gelegt werden konnten. Im engen Rah­men des von der chinesischen Regierung vorgegebenen Reg­le­ments kön­nen kirchliche Institutionen da ansetzen, wo der Pro­blem­druck am größten ist: an der um sich grei­fenden so­zia­len Not. Knapp 30 Prozent der Leistungen im Be­reich der Ar­mutsbekämpfung werden laut Statistik von chi­ne­si­schen NGOs und deren ausländischen Partnern er­bracht.

Das Kolloquium verdeutlichte, dass die sozialen He­raus­forderungen in der Volksrepublik China einen Lern­pro­zess in Gang gesetzt haben, der über die unmittelbaren An­liegen zum Beispiel in dem Bereich der Armut und So­zial­hilfe in den Städten hinausgeht. Das Thema der So­zial­arbeit ist nicht nur zu einem neuen Gegenstand inter­dis­zip­linärer Forschung geworden. Ebenso hat die soziale Fra­ge zu einem Rekurs auf die Grundlagen der chinesischen Kul­tur und Gesellschaft geführt, wie der Begriff der „Har­monie“ zeigt, den Chinas Parteichef Hu Jintao als Re­gie­rungsdevise gewählt hat. Mit diesem Begriff stellt Chi­na der Macht der Vereinigten Staaten und dem Ideal von De­mo­kratie und universellen Menschenrechten das Kon­zept ei­ner vielfältigen Welt gegenüber, in der jeder Staat sei­nen ei­genen Entwicklungsweg beschreiten soll. Die Par­tei­füh­rung unter Hu Jintao will in China eine „har­mo­nische Ge­sell­schaft“ aufbauen, international strebt sie die Förderung ei­ner „harmonischen Welt“ an, wobei das Kon­zept der „har­monischen Welt“ mit kulturellen Inhalten „asia­ti­scher“ oder „chinesischer“ Zivilisation gefüllt wird. „Mit dem Dao ei­ne harmonische Welt aufbauen“, so lau­te­te zum Bei­spiel das Motto einer Veranstaltung, die kurz zuvor in Xi’an abgehalten worden war (vgl. China heute 2007, Nr. 3, S. 67).

Vor diesem Hintergrund ermöglichte es das Kolloquium in Shanghai, das Konzept der Harmonie für einen Ref­le­xions­­prozess zu öffnen, der allgemeine ethische Über­le­gun­gen einbezog. Ausgangspunkt aller Beiträge war die Ein­sicht, dass die sozialen Folgen des sozioökonomischen Wan­dels, wie die massive Arbeitslosigkeit und wachsende Ein­kom­mensunterschiede, eine Gefährdung der langfristig sta­bi­len wirtschaftlichen Entwicklung des Landes dar­stel­len. Das anhaltende Wachstum und der steigende Wohl­stand in China können nur dann gesichert werden, wenn gleich­zei­tig ein funktionierendes System sozialer Sicherung al­len Bürgern ein Mindestmaß an sozialem Schutz bietet. Als Ge­fährdung wurde darüber hinaus auf dem Kolloquium die de­mografische Entwicklung mit der drohenden Über­al­terung der Gesellschaft angesprochen, die ebenso nach so­zial­politischen Maßnahmen verlangt. Der Dis­kus­sions­ver­lauf bestätigte die These (unter anderem vorgebracht von Wolfgang Kluxen, Grundprobleme einer affir­ma­ti­ven Ethik, 2006), dass der ethische Anspruch eines sozial­re­formerischen Anliegens erst in einem Ethos konkret wird, das sich geschichtlich ausbildet und ein affirmatives Ver­hältnis zur Wissenschaftskultur hat. Er ist abhängig von Vor­entscheidungen, die den Rahmen nicht nur für einzelne kon­krete Handlungsvorschriften, sondern auch für all­ge­mei­ne ethische Standpunktbestimmungen darstellen.

Eröffnet wurde das Kolloquium am Mittwoch, dem 9. Mai 2007, mit einem Begrüßungsdinner. Gruß­wor­te spra­­chen Prof. Dr. Zuo Xuejin, Vize-Präsident der SASS, Prof. Dr. Josef Reiter, Präsident des KAAD, und Dr. Al­brecht von der Heyden, Deutscher Generalkon­sul in Shang­hai. In den folgenden Tagen wurde das Thema „Auf­bau einer harmonischen Gesellschaft und Sozialar­beit“ in fol­genden Themenblöcken behandelt:

Themenblock I: Keynote speakers. Prof. Dr. Yan Kejia (Di­rek­tor des Institute of Religious Studies, SASS), „Pro­fes­sio­nel­le So­zial­ar­beit und die sozialen Dienste der Kir­che in China: Rückblick und Vorschau“; und Prof. Dr. C. Schweppe (Sozialwissen­schaf­ten, Me­dien und Sport, Pä­da­gogisches Ins­titut, Johannes Gu­ten­berg Universität Mainz), „Di­ver­si­tät und Sozialarbeit: westli­che und öst­li­che Stand­punkte“.

Themenblock II: Das Konzept der Harmonie: Eine Ein­füh­rung. Prof. Dr. Josef Reiter (Präsident des KAAD), „Har­mo­ni­sche Ge­sellschaft durch (Selbst-)Harmonisierung: Vor­be­mer­kun­gen zur kulturellen Konstruktion sozialer Wirk­lichkeit“; Prof. Xiong Yue­zhi (Vize-Präsident der SASS, Direktor des Institute of His­tory, SASS), „Har­mo­ni­sche Gesellschaft und idealer Staat – tra­di­ti­o­nelle chi­ne­si­sche Vorstellungen und Experimente einer har­mo­nischen Ge­sellschaft“; Prof. Dr. Peter Neuner (Ka­tho­lisch-Theo­lo­gische Fakultät, Universität München), „Ele­men­te ei­ner west­lichen Selbstauslegung und ihre Syn­the­se in­ner­halb ei­ner eu­ropäischen Zivilisation“; und Prof. Yu Xuanmeng (Di­rek­tor des Institute of Philosophy, SASS), „So­ziale Har­monie in ver­schie­denen Wertesystemen“.

Themenblock III: Das Konzept der Harmonie: Unter­schied­li­che Traditionen. Prof. Dr. Qiao Zhaohong (Institute of E­co­nom­ics, SASS), „Sun Yat-Sens Ge­danken zur Ethik und der Auf­bau einer har­monischen Ge­sellschaft“; Prof. Dr. Zhong Xiang­cai (Institute of Economics, SASS), „Eine ver­glei­chen­de Studie zur geistigen Grund­le­gung der har­mo­ni­schen Ge­sellschaft in west­li­chen Ge­sell­schaf­ten und in China“; und Prof. Lu Xiao­he (In­sti­tute of Philosophy, SASS), „Har­mo­ni­sche Ge­sell­schaft und mo­ra­li­sche Einschränkungen der Markt­wirt­schaft“.

Themenblock IV: Juden in Ost und West. Prof. Yu Wei­dong (In­stitute of Eurasian Studies, SASS), „As­si­mi­la­tion oder nicht: Ju­den in China und in Europa“; und Prof. Dr. Det­lef Garz (So­zi­al­wis­senschaften, Medien und Sport, Pä­da­gogisches Institut, Jo­han­nes Gutenberg Universität Mainz), „Kulturelle Vielfalt: Juden in Deutschland und Chi­na“.

Themenblock V: Sozialarbeit im Kontext der Re­li­gio­nen. Prof. Dr. Liu Yuanchun (Institute of Religious Studies, SASS), „Wohl­tä­tigkeitsarbeit des Buddhismus und die har­monische Ge­sell­schaft“; M.A. Andrea Braun (So­zial­wis­senschaften, Medien und Sport, Johannes Gutenberg Uni­versität Mainz), „Sozialarbeit, Mi­gration und Em­power­ment“; und Prof. Dr. Zhang Qingxiong (De­partment of Philo­sophy, Fudan University), „Die so­zia­le Funk­tion des Glau­bens und der Erziehung im Ka­tho­li­zis­mus. Zum Bei­trag der katholischen Kirche in Shanghai zu so­zia­ler Moral und der harmonischen Gesellschaft“.

Themenblock VI: Sozialarbeit: Vergleich westliche Ge­sell­schaf­ten – China. Dr. Han Jun (Institute of So­ciology, SASS), „Wohl­tätigkeitsarbeit in Chi­na“; Prof. Dr. Wolf­gang Schröer (FB Erziehungs- und So­zialwissenschaften, Stif­tung Universität Hil­des­heim), „Sozialarbeit in westlichen Ge­sell­schaf­ten: eine kur­ze Ein­führung“; und Dr. Zhang Wei (TU Chem­nitz), „Ei­ne ver­gleichende Betrachtung der Sozialarbeit in west­li­chen und chi­nesischen Gesellschaften“.

Themenblock VII: Sozialarbeit in China: Konkrete Bei­spiele. Prof. Dr. Hu Suyun (Institute of Demography and De­vel­opment Studies, SASS), „Die He­raus­forderungen durch die al­ternde Ge­sell­schaft Chinas und die Ver­bes­se­rung des sozialen Wohl­fahrts­sys­tems“; Dr. Byung-Cheol Kim (Nottingham University), „Der Le­bensunterhalt von Ar­beits­lo­sen­haus­hal­ten im städtischen Chi­na“; und Prof. Dr. Zhou Hai­wang (Di­rektor des Institute of Demo­graphy and Development Studies, SASS), „Aktuelle Si­tua­ti­on und Perspektive der Sozial­diens­te für Migranten in Shang­hai“.

Themenblock VIII: Diskussion von Universitätsprogrammen zur Sozialen Arbeit. Prof. Dr. C. Schweppe und Prof. Dr. W. Schrö­er, „Soziale Arbeit vor dem Hintergrund von trans­na­tio­na­ler Migration und Bin­nen­migration. Ein­füh­rung in ein neues Pro­gramm an der Uni­versität Mainz in Ko­operation mit der Uni­versität Hildesheim“.

Themenblock IX: Diskussion über die weitere Zu­sam­men­ar­beit. Prof. Dr. Josef Reiter und Prof. Dr. Huang Renwei (Vi­ze- Prä­sident der SASS).

Nach einer Exkursion in die Wasserstadt Tongli (12. Mai) en­dete das Kol­loquium am Sonntag, dem 13. Mai, mit ei­nem Got­tes­dienst­besuch.

Fazit. Im Rahmen des Kolloquiums wie auch der Kon­fe­ren­zen in den Jahren 2005 und 2006 wurden wis­sen­schaftliche und, im Kontext von Entwicklungspolitik und Weltkirche, ganz pragmatische Ziele verfolgt. Teil­neh­mer wa­ren neben den Wissenschaftlern der beteiligten Ein­richtungen Ver­tre­ter von NGOs und der Kirche. Mit der Be­handlung des The­mas der sozialen Konflikte, der Mi­gra­tions­problematik und des Beitrags der Sozialarbeit für den Auf­bau einer har­mo­nischen Gesellschaft wurde ein Weg zwi­schen Empirie, wis­senschaftlicher Reflexion und An­wen­dung in der ge­sell­schaft­lichen Praxis beschritten. Durch diese Vorgehens­wei­se wurden folgende Ziele er­reicht:

Es ist ein Bewusstseins- und Dis­kus­sions­prozess zur Be­deu­tung der Sozialarbeit initiiert worden, der in Chi­na Wis­senschaftler und Vertreter der Kirche mit­ein­ander ins Gespräch gebracht und dadurch die ge­sellschaftliche In­tegration der katholischen Kirche Chi­nas befördert hat.

Auf der nicht-kirchlichen Seite hat die Rolle der Re­li­gio­nen im gesellschaftlichen Mo­der­ni­sie­rungs­prozess die ihr gebührende Auf­merk­sam­keit erfahren.

Die Netzwerkbildung von Partnern, Geförderten des KAAD und von Misereor ist auf den Weg gebracht wor­den.

Heinrich Geiger

Aus: China heute 2007, Nr. 4-5, S. 134f.



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