Das China-Zentrum e.V. besteht seit 1988. Der als gemeinnützig anerkannte Verein fördert Begegnungen und den Austausch zwischen den Kulturen und Religionen im Westen und in China.

„Alles ist miteinander verbunden“

10. Europäisches Katholisches China-Kolloquium in Siegburg beschäftigte sich mit Laudato Si‘, Technoscience und der Kirche in China

„Nie hatte die Menschheit so viel Macht über sich selbst, und nichts kann garantieren, dass sie diese gut gebrauchen wird“, schrieb Papst Franziskus mit Blick auf die technologischen Möglichkeiten der Gegenwart in seiner Enzyklika Laudato Siʼ. China gehört weltweit zu den führenden Nationen in der Entwicklung und vor allem in der Anwendung von künstlicher Intelligenz und anderen neuen Technologien. Welche Folgen hat der technologische Fortschritt für die Menschheit, wie kommen wir zu einer Ethik des Umgangs mit ihm, welche Rolle kommt China zu? Was bedeuten die neuen Technologien für die Gesellschaft und die Kirchen des Landes? Mit dieser Fragestellung beschäftigte sich das 10. Europäische Katholische China-Kolloquium, das vom 30. August bis 1. September 2019 in Siegburg stattfand.

Für Papst Franziskus ist „alles miteinander verbunden“ – wie Professor Massimo Borghesi von der Universität Perugia in seinem Vortrag betonte. Dieses „relationale Modell“ steht in Laudato Siʼ im Gegensatz zu dem technokratischen Modell, das den Menschen seiner Umwelt entfremdet. Diesbezüglich zeigte sich während der Konferenz ein deutlicher Anknüpfungspunkt zur traditionellen chinesischen Philosophie: Dort wird der Mensch immer in seinen Beziehungen zu anderen gesehen und durch Beziehung definiert; Mensch und Welt werden als ein einziger fortlaufender Prozess aufgefasst. Der Sinologe Dr. Heinrich Geiger rief am Ende seines Vortrags dazu auf, aus westlichen und nicht-westlichen Traditionen in respektvoller Weise ein „Paket“ zu schnüren, um ein globales Bewusstsein für das gemeinsame Haus zu fördern.

Nach diesem theologisch-philosophischen Einstieg schilderte Mao Yishu vom Mercator Institute for China Studies in Berlin konkret, wie künstliche Intelligenz bereits in alle Bereiche des Lebens in China eingedrungen ist – angefangen vom künstlichen Nachrichtensprecher bis hin zu Anwendungen in der Rechtsprechung, der Medizin, im Unterricht und im Bereich der öffentlichen Sicherheit. Seit 2018 werden staatliche Dokumente zur KI-Ethik veröffentlicht. Hier gibt es Mao Yishu zufolge unter chinesischen Experten aber noch einen Pluralismus von Meinungen, auch unterscheiden sich die Werteprioritäten von denen des Westens.

Professor Fu King-wa, ein Medienforscher von der University of Hong Kong, analysierte „Chinas 360-gradige Informationskontrolle“. Dabei unterschied er drei Ebenen: „Kontrolle 1.0“ besteht in staatlicher Überwachung und Zensur des Internets und sozialer Medien. Bei der „Kontrolle 2.0“ beeinflusst der chinesische Staat aktiv die öffentliche Meinung und das Nutzerverhalten, etwa durch die Manipulation von Themenrankings oder gekaufte Kommentare in sozialen Medien. „Kontrolle 3.0“ weitet sich vom online-Verhalten auf den Alltag aus: So wird bis 2020 das „Social Credit System“ voll in Kraft treten. Es wird das Verhalten der Menschen in allen Lebensbereichen bewerten und durch Strafmaßnahmen wie Reiseeinschränkungen konditionieren.

Dass das Zeitalter der mobilen Kommunikation auch neue Chancen für die Evangelisierung in China bietet, machte ein weiterer Vortrag deutlich: Er stellte eine katholische App aus China vor, die den Nutzern neben kirchlichen Nachrichten und Informationen zu den Pfarreien auch den liturgischen Kalender, religiöse Musik und Hörbücher, Videos, Stundengebet, Bibelbetrachtungen sowie Chat-Gruppen anbietet.

In einem zweiten Themenblock befasste sich die Konferenz mit der Situation der katholischen Kirche in China. Sie ist, wie die anderen Religionen Chinas, betroffen von immer stärkerer Kontrolle durch die staatlichen Behörden. Dazu referierte P. Bernardo Cervellera PIME von der römischen Nachrichtenagentur AsiaNews. Der kommunistische Staat fordert, dass die Religionen sich „sinisieren“. Dem Thema Sinisierung bzw. Inkulturation war dann auch ein Podiumsgespräch gewidmet: Es diskutierten dort Dr. Li Jingxi, Vizerektor des Priesterseminars von Shaanxi, der Religionswissenschaftler Prof. Dr. Batairwa Kubuya Paulin SX von der Katholischen Fu Jen Universität in Taipei und Daniel Yeung vom Institute for Sino-Christian Studies in Hongkong. Über die Zukunft der Kirche nach dem vor einem Jahr geschlossenen vorläufigen chinesisch-vatikanischen Abkommen über Bischofsernennungen sprachen Prof. Wang Meixiu vom Institut für Weltreligionen der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften sowie P. Jeroom Heyndrickx CICM vom Verbiest Institute der KU Leuven.

Zu dem Kolloquium in Siegburg kamen rund hundert Teilnehmer aus 15 Ländern und Regionen, darunter Festlandchina, Hongkong und Taiwan. Das Treffen fand im Katholisch-Sozialen Institut auf dem Michaelsberg statt. Es wurde vom katholischen China-Zentrum in Sankt Augustin organisiert.

China-Zentrum / kwt, 4. September 2019

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