Das China-Zentrum e.V. besteht seit 1988. Der als gemeinnützig anerkannte Verein fördert Begegnungen und den Austausch zwischen den Kulturen und Religionen im Westen und in China.

Evangelisierung in der evangelischen Kirche in China – Reflexionen eines westlichen Sinologen

Fredrik Fällman

Für die rasche Entwicklung der chinesischen evangelischen Kirche seit den 1980er Jahren – registriert oder nicht registriert – gibt es nicht nur eine einzige oder einige wenige Erklärungen, sondern sie ist das Resultat mehrerer verschiedener Faktoren. Auch gibt es keine koordinierte oder einheitliche spezifische Strategie der Evangelisierung, dies im Wesentlichen aufgrund der dezentralisierten und unkoordinierten Struktur der chinesischen evangelischen Kirche. Nationale Führungspersönlichkeiten des Chinesischen Christenrates (China Christian Council, im Folgenden CCC) und der Patriotischen Drei-Selbst-Bewegung (Three-Self Patriotic Movement, im Folgenden TSPM) sowie Lehrende des nationalen Jinling Union Theological Seminary sind zu einem gewissen Grad vorbelastet mit Ideen einer allgemeinen chinesischen evangelischen Ekklesiologie, aber es gibt auch viele Tendenzen in Richtung einer Rückkehr zum Denominationalismus und zu weniger Einheit. Seit 2014 verficht der chinesische Parteistaat eine Sinisierung des Christentums (jidujiao Zhongguohua 基督教中国化), was diesen Aspekten noch eine andere Dimension verleiht. Aus einer praxisnaheren Perspektive gibt es ein Element der Direktheit in der Herangehensweise vieler chinesischer Protestanten gegenüber Nicht-Christen, das sich vom europäischen Kontext unterscheidet. Darüber hinaus wird die verändernde Kraft des Glaubens als ein Teil akademischer Studien allzuoft vernachlässigt.
Was geschieht nun konkret in Hinblick auf Evangelisierung? Die Verfassung der VR China gewährt „Freiheit des religiösen Glaubens“ (Artikel 36), doch sagt sie nicht viel über den tatsächlichen Schutz religiösen Ausdrucks und religiöser Aktivität inklusive Evangelisierung aus, nicht mehr als dass sie in der Form „normaler religiöser Aktivität“ (zhengchang zongjiao huodong 正常宗教活动) erfolgen solle. Der Ausdruck „Normalität“ ist besonders problematisch und eins von vielen Anzeichen dafür, dass die KPCh und die Regierung der VR China sich das Recht zur Interpretation religiöser Belange und sogar von Theologie vorbehalten möchten. Da die KPCh stark den Atheismus fördert und sich im Umgang mit religiös aktiven Parteimitgliedern schwertut, ist es ironisch, dass sie gleichzeitig versucht, die Kontrolle über den tatsächlichen Inhalt von Religion zu übernehmen.
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