Das China-Zentrum e.V. besteht seit 1988. Der als gemeinnützig anerkannte Verein fördert Begegnungen und den Austausch zwischen den Kulturen und Religionen im Westen und in China.

Unsichtbar und unschlagbar: Wechselnde Frauenrollen in der chinesischen protestantischen Kirche und ihre Wahrnehmung

Katrin Fiedler

Seit der Wiederöffnung der Kirchen haben Frauen eine bedeutende, wenn nicht dominante Rolle im Leben der chinesischen evangelischen Kirchen gespielt. Obwohl sie sichtbar aktiv sind, sind Christinnen jedoch auf wenig Interesse als Objekt der Forschung gestoßen. Aus wissenschaftlicher Sicht sind chinesische Protestantinnen fast unsichtbar, im Gegensatz zu Gruppen wie christlichen Unternehmern, Intellektuellen, Angehörigen der Miao, Migranten oder sogar Fabrikarbeitern und Fischern – sie alle haben bereits spezifisches wissenschaftliches Interesse gefunden. Dieser Mangel an Material über Frauen könnte suggerieren, dass die Genderrollen innerhalb der chinesischen protestantischen Kirche so gleich sind, dass Gender sich nicht als Rahmen anbietet, um die Rolle von Frauen in der Kirche zu untersuchen. Der Kontrast zwischen dem Phänomen im realen Leben und seiner Nicht-Existenz in der wissenschaftlichen Welt ist jedoch so stark, dass sich mehr dahinter zu verbergen scheint. Ich stelle die These auf, dass der blinde Fleck, den Frauen auf der Agenda der Forscher darstellen, ein Produkt von traditionellen chinesischen Rollenbildern ist, wo Frauen im öffentlichen Raum unsichtbar waren.
Interessanterweise scheint ein zweiter Trend wirksam zu sein, der auf dieselben widersprüchlichen Mechanismen, nämlich „Frauenpower“ versus Konservativismus oder Sichtbarkeit versus Unsichtbarkeit, hinweist. Während das Christentum für viele chinesische Frauen weiterhin befreiend oder ermächtigend wirkt, gewinnen in Teilen der protestantischen Landschaft konservative Frauenrollen und die dazugehörige Theologie an Einfluss. Dieser „neue Konservativismus“ droht, Frauen in der chinesischen Kirche noch unsichtbarer werden zu lassen, sowohl in der Realität als auch als Objekt der Forschung.
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