Das China-Zentrum e.V. besteht seit 1988. Der als gemeinnützig anerkannte Verein fördert Begegnungen und den Austausch zwischen den Kulturen und Religionen im Westen und in China.

Verwirrung nach Medienberichten, dass der Vatikan legitime Bischöfe gebeten habe, zugunsten illegitimer Bischöfe ihr Amt zu räumen

Wie die katholische Nachrichtenagentur AsiaNews am 22. Januar berichtete, soll der Vatikan zwei vom Papst anerkannte chinesische Bischöfe im „Untergrund“ aufgefordert haben, als Ortsbischöfe zurückzutreten, damit zwei ohne Zustimmung Roms geweihte, aus kirchlicher Sicht illegitime, aber von der chinesischen Regierung gestützte Bischöfe kirchlich legalisiert und als Ortsbischöfe eingesetzt werden können.

Seit Juni 2014 werden wieder Verhandlungen zwischen dem Heiligen Stuhl und der chinesischen Regierung geführt. Zwar gibt es keine Verlautbarungen der beiden Verhandlungspartner über Verlauf und Ergebnisse der Gespräche, Beobachter gehen aber davon aus, dass die Suche nach einem Kompromiss in der seit 1958 zwischen Peking und Rom ungelösten Streitfrage, wer das Recht auf Ernennung der chinesischen Bischöfe hat, im Mittelpunkt steht. Einige Kommentatoren – so der damalige Hongkonger Bischof Kardinal John Tong in einem Aufsatz vom 11. Februar 2017 im Hong Kong Sunday Examiner oder die Christentumsforscherin Wang Meixiu von der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften in der chinesischen Global Times vom 27. Juni 2017 – hatten die Vermutung geäußert, dass man einem Kompromissverfahren für künftige Bischofsernennungen bereits nahegekommen sei, es jedoch Schwierigkeiten bereite, eine Lösung für die jeweils nur von einer Seite anerkannten unter den bereits geweihten Bischöfen zu finden. Von den derzeit rund 100 chinesischen Bischöfen sind 7 auf Betreiben der chinesischen Behörden ohne Zustimmung des Papstes geweiht und deshalb aus kirchlicher Sicht illegitim, 30 bis 40 Bischöfe wiederum gehören dem „Untergrund“ an, d.h. sind im Geheimen mit päpstlicher Zustimmung geweiht und gelten deshalb aus Regierungssicht als illegal.

AsiaNews meldete nun am 22. Januar 2018 unter Berufung auf namentlich nicht genannte lokale kirchliche Quellen in China, dass der 88-jährige Untergrundbischof Zhuang Jianjian von Shantou in der südchinesischen Provinz Guangdong vom 18. bis 22. Dezember 2017 von sieben Regierungsbeamten nach Beijing eskortiert worden sei. Bischof Zhuang wurde AsiaNews zufolge 2006 mit päpstlicher Zustimmung insgeheim zum Bischof von Shantou geweiht. In Beijing traf Bischof Zhuang laut AsiaNews am 21. Dezember zuerst drei Beamte des Staatlichen Büros für religiöse Angelegenheiten und dann eine Delegation des Heiligen Stuhls. Diese Delegation habe von Bischof Zhuang verlangt, als Ortsbischof zurückzutreten, damit der 1967 geborene Bischof Huang Bingzhang der legitime Bischof von Shantou werden könne. Huang wiederum wurde 2011 ohne päpstliche Genehmigung zum Bischof geweiht, woraufhin der Vatikan seine automatische Exkommunikation bekanntgab; er ist aus Regierungssicht der Ortsbischof von Shantou. Die gleiche Bitte ist laut AsiaNews bereits am 26. Oktober 2017 brieflich an Bischof Zhuang gerichtet worden, dieser soll sich damals geweigert haben. Ein mit dem Chinadossier vertrauter Vatikanvertreter habe allerdings auf Anfrage zu AsiaNews gesagt, dass der Brief an Bischof Zhuang nur eine Bitte um Stellungnahme zu dem illegitimen Bischof Huang gewesen sei.

Die Vatikandelegation – so AsiaNews – sei dann in die Diözese Mindong in der Provinz Fujian gefahren, um einen weiteren der sieben von Rom nicht anerkannten Bischöfe zu treffen, den 57-jährigen Bischof Zhan Silu, der aus Regierungssicht Bischof von Mindong ist. Lokale Quellen hätten AsiaNews zudem berichtet, dass der vom Papst anerkannte 59-jährige Ortsbischof Guo Xijin, der dem Untergrund angehört, gebeten worden sei, „sich zum Assistenten von Bischof Zhan herabzustufen, wobei eine Aussage war, dass er sich zum Koadjutorbischof herabstufen müsse“. Laut AsiaNews sollen die chinesischen Regierungsbehörden Bischof Guo bereits gedrängt haben, ein entsprechendes Dokument zu unterzeichnen, als sie ihn um die Karwoche 2017 rund einen Monat lang verschleppt hatten.
UCANews bestätigte die Ereignisse in einer eigenen Meldung am 26. Januar. Beide Nachrichtenagenturen beriefen sich u.a. auch auf Kardinal Joseph Zen, den emeritierten Bischof von Hongkong, der den Vatikan schon seit langem vor zu großen Kompromissen in den Verhandlungen mit China warnt.

Kardinal Zen selbst enthüllte am 29. Januar 2018 in einem Beitrag auf seinem Blog (eine englische Übersetzung erschien am gleichen Tag in AsiaNews), dass er bereits im Oktober einen Brief von Bischof Zhuang auf dessen Bitte hin an den Präfekten der Kongregation für die Evangelisierung der Völker mit Kopie an den Papst weitergeleitet habe. Um sicherzugehen, dass der Papst die Nachricht erhalte, sei er dann am 9. Januar nach Rom aufgebrochen und habe Papst Franziskus am 10. Januar am Ende der öffentlichen Audienz in der Audienzhalle einen Brief von Bischof Zhuang mit Übersetzung und Begleitschreiben von ihm, Zen, überreicht. Am Abend des 12. Januar habe er daraufhin eine halbe Stunde in Santa Marta mit dem Papst über die Sorgen „seiner treuen Kinder in China“ sprechen können. Der Papst habe ihm gesagt: „Ja, ich habe ihnen (seinen Mitarbeitern im Heiligen Stuhl) gesagt, dass sie keinen zweiten Fall Mindszenty erzeugen sollen“ (József Mindszenty war Erzbischof von Esztergom-Budapest. Aufgrund seines Widerstandes gegen den Kommunismus war er mehrmals inhaftiert und lebte ab 1956 im Asyl in der US-Botschaft in Budapest, bis er ab 1971 auf Verlangen des Heiligen Stuhls ins Exil ging.)
AsiaNews und UCANews zitierten Stimmen aus der chinesischen Kirche – aus der Gemeinschaft im Untergrund ebenso wie der offiziellen Gemeinschaft –, die sich angesichts der Berichte, dass Vatikanvertreter die beiden legitimen Untergrundbischöfe aufgefordert haben sollen, zugunsten der illegitimen Bischöfe zurückzutreten, schockiert, verwirrt oder enttäuscht über den Vatikan zeigten. Einige warnten auch, dass ein solches Vorgehen (falls sich die Nachrichten bestätigen sollten) zu mehr Spaltung in der chinesischen Kirche statt zu Versöhnung führen werde. Die unter dem Dach der chinesischen Parteizeitung Renmin ribao erscheinende englischsprachige Global Times berichtete in zwei Beiträgen vom 25. und 29. Januar ebenfalls über die Meldungen in AsiaNews, sie brachte auch kurze Stellungnahmen verschiedener Personen. U.a. zitierte sie Francesco Sisci, Forscher an der Renmin University of China, mit den Worten: „Rom muss eine Balance finden zwischen Beijings Forderungen und dem Zusammenhalten der katholischen Kirche. Die Chinafrage hat das Potential, die Kirche zu zerreißen.“

Bisher gibt es seitens des Vatikans keine Stellungnahme dazu, ob die besagten Berichte bezüglich der Situation der Bischöfe in den Bistümern Shantou und Mindong zutreffend sind. Am 30. Januar 2018 dementierte allerdings Vatikansprecher Greg Burke in einer Erklärung im Bulletin des Pressebüros des Heiligen Stuhls die „weit verbreiteten Nachrichten über angebliche Differenzen im Denken und Handeln zwischen dem Heiligen Vater und seinen Mitarbeitern in der römischen Kurie in auf China bezogenen Fragen“. Burke sagte, der Papst sei in ständigem Kontakt mit seinen Mitarbeitern, besonders im Staatssekretariat, über Chinafragen und werde von ihnen getreulich über die Situation der Kirche in China und den Dialog mit der Volksrepublik informiert, dem er mit besonderer Aufmerksamkeit folge; es sei deshalb bedauerlich, dass Leute in der Kirche das Gegenteil behaupteten und so Verwirrung und Streit nährten.


Über die Entwicklungen in den sino-vatikanischen Beziehungen und der katholischen Kirche in China wird China heute weiter berichten.

China-Zentrum e.V./kwt, 31. Januar 2018

 

 

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