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Zwischen Erwartung und Erfüllung: Eine Gratwanderung

Viel war darüber spekuliert worden, nun ist er erschienen: Der Brief des Papstes an die Katholiken Chinas. Welche Chancen und Möglichkeiten eröffnet dieses Schreiben und wo lauern die Gefahren? In einem Gastbeitrag nimmt der Direktor des katholischen China-Zentrums in St. Augustin Stellung.

Der mit steigender Spannung erwartete Brief Papst Benedikts XVI. an die Katholiken Chinas ist nun erschienen. Bereits an Pfingsten hatte Papst Benedikt seine Unterschrift unter das Dokument gesetzt. Schon bald nach der Ankündigung Anfang des Jahres häuften sich die Artikel und vermehrten sich die Gespräche darüber, was der Inhalt des Briefes sein wird und welche Reaktionen er hervorrufen wird, vor allem bei den Katholiken Chinas, die ja als Zielgruppe der Worte des Papstes gelten.

In China selbst hatten sich am 28.-29. Juni, noch kurz vor der Veröffentlichung des Briefes, ca. 30 Bischöfe aus der offiziellen, staatlich anerkannten Kirche auf Einladung der Einheitsfront der Kommunistischen Partei und des Büros für Religiöse Angelegenheiten (BRA) in Beijings Huairou Distrikt versammelt, um neben anderen Dingen auch eine Reaktion auf den Brief des Papstes zu besprechen. Der stellvertretende Direktor der Einheitsfront, Zhu Weiqun, und der Direktor des BRA (State Administration for Religious Affairs), Ye Xiaowen, sagten während des Treffens zwar nichts über den Inhalt, da dieser noch geheim bleiben sollte, jedoch betonten sie, dass Chinas Katholiken die Ruhe bewahren sollten, was auch immer in dem Brief gesagt werden würde.

Mit Chinas bestem Schnaps gegen römischen Wein

Während des anschließenden Abendessens soll ein hoher Beamter die Teilnehmer mit einer Metapher in folgenden Worten angesprochen haben: „Wir haben euch Maotai aufgetischt, den besten Schnaps in China. Nachdem ihr ihn getrunken habt, braucht ihr keinen ausländischen Wein mehr.“ Einer der Teilnehmer, der diese Bemerkung gehört hatte, gab dann hinter vorgehaltener Hand seiner Befürchtung Ausdruck, dass in höchsten Regierungsstellen der Brief des Papstes im Grunde als zwecklos und überflüssig angesehen wird.

Der Brief wurde am 30. Juni um 12:00 Uhr vom Vatikan der Öffentlichkeit übergeben. Er erschien in mehreren Sprachen, auch in Chinesisch. Sogleich begann das große Wettrennen um die ersten Stellungnahmen zu den Worten des Papstes. Viele Fragen bildeten dazu den Ausgangspunkt: Worauf gibt der Hl. Vater Antwort, welche Probleme sind angesprochen, welche Lösungen werden angeboten? Welche Standpunkte werden vertreten? Welche Direktiven werden gegeben, um den Christen und den Leitern der Kirche Chinas in einer verworrenen Situation den Entscheidungsprozess leichter zu machen? Wie werden die Regierungsstellen der Volksrepublik China auf den Brief reagieren? Welche Erwartungen werden erfüllt?

Wer den Brief aufmerksam liest, kann sich des Eindrucks kaum erwehren, dass es ihm nicht darum geht, Erwartungen zu erfüllen. Er gibt lediglich die Richtung an, welche von den Erwartungen zu deren Erfüllung hinführt, jedoch auf den Weg dorthin müssen sich die Adressaten des Briefes selber aufmachen. Und dies scheint eine wahre Gratwanderung zu werden. Der Ball, der sich lange auf Seiten Roms zu befinden schien, ist nach China zurückgespielt. Bischöfe, Priester und Laien sind herausgefordert, sich auf das Spiel einzulassen und dessen Ausgang zu bestimmen. Die vom Papst rückblickend geschilderten 50 Jahre Geschichte der Katholischen Kirche Chinas und die in seinem Brief in aller Klarheit angesprochenen Probleme und schmerzlichen Erfahrungen machen jedoch deutlich genug, dass es sich nicht um ein Spiel handelt, sondern um einen sehr ernsten Prozess, der nur auf dem Boden der unverfälschten Lehre der Kirche und in Liebe und absoluter Treue zur Wahrheit zu seinem erwünschten Ergebnis, einer Ortskirche in enger Gemeinschaft mit dem Papst und der Universalkirche, führen kann.

In seinem ersten Teil spricht der Hl. Vater über die aktuelle Situation der Kirche aus theologischer Perspektive. Er teilt den Optimismus seines Vorgängers, dass das 3. Millenium der Glaubensverbreitung Asien gehört und China dabei entscheidend beteiligt sein wird. Auch in China wird den Kern dieser Glaubensverbreitung das Zeugnis für Christus, den Gekreuzigten und Auferstandenen, bilden müssen, und dies in Treue zum Evangelium und in Gemeinschaft mit dem Nachfolger Petri und der Universalkirche. Den gesamten Brief an die Katholiken Chinas durchzieht wie ein roter Faden dieser Gedanke der Einheit der chinesischen Kirche mit dem Papst und der Universalkirche. Dass ein wichtiger Faktor auf dem Weg zur Einheit, die noch ausstehende Verständigung zwischen dem Hl. Stuhl und der Volksrepublik China, keine Fortschritte macht, wird schmerzlich anerkannt. Bis jetzt ist es nicht gelungen, die Missverständnisse aus dem Weg zu räumen und Beijing davon zu überzeugen, dass es der Kirche nicht um politische Ziele geht, sondern um die Verantwortung für die spirituelle Dimension des Menschen, den Einsatz für seine Werte und um ein geordnetes kirchliches Leben der Gläubigen.

Der Papst macht auch recht deutlich und konkret auf die Folgen dieses Missverständnisses aufmerksam: Beeinträchtigung der religiösen Freiheit, unberechtigte Einmischung ziviler Behörden in innerkirchliche Angelegenheiten. Er gibt jedoch der Hoffnung Raum, dass durch einen Dialog mit den Behörden eine Regelung für die Abgrenzung der Zuständigkeiten beiderseits gefunden werden kann. Dennoch darf es zu keinem Kompromiss kommen, der eine Aberkennung der Glaubens -und Kirchengemeinschaft zur Folge hätte. Es wird der pastoralen Klugheit des Bischofs in Konsultation mit den Priestern anheim gestellt, welche konkrete Lösung schließlich gefunden wird.

Verständnis für die Not der Menschen, Sorge um die Kirche

Sehr ernst wirken die Worte des Papstes, wo es um den chinesischen Episkopat geht. Es steht dem Bischof und den geweihten und entsprechend ausgebildeten Priestern zu, das Hirtenamt mit seinen wesentlichen Funktionen des Lehrens, des sakramentalen Dienstes und der Leitungsaufgaben zu vollziehen. Auch Laien dürfen für Dienstfunktionen eingestellt werden, wenn sie vom Bischof dafür die Mission erhalten haben. Dass in China Leute ohne Ordination, ja ohne Taufe, wie das bei den Funktionären der Patriotischen Vereinigung durchaus der Fall sein kann, über innerkirchliche Abläufe die Kontrolle ausüben und in wichtigen Fragen die Entscheidung treffen, wobei die Bischöfe und ordinierten Minister de facto ihres Amtes und ihrer Vollmacht enthoben werden, ist mit der sakramentalen Struktur der Kirche nicht in Einklang zu bringen.

Recht detailliert geht der Papst in diesem Zusammenhang auch auf das Problem der illegitim geweihten Bischöfe ein und schafft Klarheit darüber, wieweit die sakramentalen Funktionen eines illegitimen (vom hl. Vater nicht anerkannten) Bischofs gültig sind. Die Gläubigen sind, wo es um die Feier der Eucharistie und den Empfang der anderen Sakramente geht, aufgerufen, im Rahmen des Möglichen sich an Bischöfe oder Priester zu wenden, die in der Gemeinschaft mit dem Papst stehen. Wo dies aber tatsächlich sehr schwierig ist, dürfen sie aus Rücksicht auf ihr spirituelles Leben auch jemanden aufsuchen, der nicht in Gemeinschaft mit dem Papst steht.

Als besonders problematisch wird in dem Brief auf die illegitime Ernennung und Weihe von Bischöfen hingewiesen. Der Papst erwähnt sogar die Tatsache, dass für eine Weihe ohne Mandat des Papstes im Rechtsbuch der Kirche schwere Kirchenstrafen vorgesehen sind, weil es sich dabei um eine schwere Verletzung der kirchlichen Gemeinschaft handelt. All das ist nicht neu, aber dass dies in dem Brief besondere Erwähnung findet, deutet auf die Kompromisslosigkeit hin, mit der der Hl. Vater diese Frage behandelt sehen will. In der Bischofsernennung vollzieht der Papst seine höchste geistige Vollmacht. Von der Einmischung einer politischen Autorität in interne Angelegenheiten eines Staates und der Verletzung von dessen Souveränität kann da gar keine Rede sein. Aber auch hier versucht der Papst die schwierige Lage derer, die sich auf Druck hin haben weihen lassen, zu verstehen und er zeigt sich offen für Lösungen, wo die Wahl eines Kandidaten im Einvernehmen mit der Zivilregierung gefunden werden kann.

Im zweiten Teil seines Briefes gibt der Papst Richtlinien für die pastorale Leitung der Diözesen und Gemeinden. Nach dem Verständnis des II. Vatikanischen Konzils trägt ein Bischof einerseits Verantwortung für die ganze Kirche, anderseits aber ist für ihn die Ausführung seines Amtes auf die ihm zugeschriebene Diözese beschränkt. Hier wird auch die Frage der Konzelebration bei der Eucharistie aufgeworfen. Diese, so das Urteil des Papstes, setzt voraus, dass die Teilnehmer sich zum selben Glauben bekennen und mit dem Papst und der Universalkirche in hierarchischer Gemeinschaft stehen. Wo das gegeben ist, ist auch die Tatsache, dass jemand bei staatlichen Organen registriert ist und diese Beziehung aufrecht hält, kein Hindernis, dies aber nur dann, wenn es um äußere Strukturen geht, und keine Verneinung unverzichtbarer Prinzipien der Glaubens –und Kirchengemeinschaft damit verbunden ist.

Die kanonische Gesetzgebung soll den Bischöfen helfen, ihren pastoralen Pflichten nachzukommen. Auch sind die Diözesanbischöfe eingeladen, sich aller Mittel der Gemeinschaftsbildung und Kooperation, wie Kurie, Diözesanrat, Priesterrat, Finanzkomitee, zu bedienen, um gemeinsam zu einem reifen Urteil über Fragen der Lehre und Verwaltung der Diözesen und Gemeinden zu kommen.

Nachdem der Papst noch kurz zu Fragen der Kirchengüter, der Einteilung der Kirchenprovinzen, der Priesterausbildung, der Aufgabe der Laien und der Familien und christlichen Initiation Bezug genommen hat, kommt er abschließend in Anbetracht einer positiven Entwicklung der Kirche in einer veränderten Situation einem wiederholt geäußerten Verlangen von Bischöfen und Priestern nach und hebt alle bisher auf Grund pastoraler Sonderbedürfnisse gewährten speziellen Vollmachten und pastoralen Richtlinien auf. In den neuen Direktiven finden die Prinzipien der Kirche eine neue Applikation.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Brief in seiner Gesamtheit eine sehr pastorale Ausrichtung hat. Verständnis für die Not der Menschen und die Sorge und Verantwortung für das Wohl der Katholischen Kirche Chinas bestimmen den Tenor der Sprache. Für die Bischöfe und Priester bedeutet dieser Brief des Papstes eine ungeheure Herausforderung, der manche nicht gewachsen sein werden. Es ist ja offensichtlich, dass die Hauptlast der Verantwortung im Entscheidungsprozess in einer sehr schwierigen und widersprüchlichen Lage auf sie übertragen ist. Was von ihnen verlangt wird ist: spiritueller Tiefgang und hohe moralische Integrität, pastorale Klugheit, ein hohes Maß an Dialogfähigkeit, eine zur Natur gewordene Treue zu Christus und zur Kirche. Andererseits haben sich viele neue Möglichkeiten eröffnet. Vor allem ist mit der Aufhebung von Sonderrechten und bisher geltenden Richtlinien der Weg frei gemacht für eine ehrliche und vorurteilsfreie Begegnung der Angehörigen beider Richtungen der einen Katholischen Kirche in China (sowohl der offiziellen wie auch der im Untergrund), und es ist durchaus berechtigt, daran große Hoffnungen zu knüpfen.

Wie reagieren die staatlichen Organe?

Der Friede im Innern der Kirche ist auch die Grundvoraussetzung aller anderen Schritte in Richtung Gemeinschaft mit dem Papst und der Universalkirche und dies wird auch der einzige gesunde Standpunkt für einen Dialog mit der Regierung sein.

Ob der Brief des Hl. Vaters jedoch bei den staatlichen Organen die Beachtung findet wird, die ihm zukommt, steht auf einem anderen Blatt. Die geistige Grundlage der kirchlichen Gemeinschaft wird von ihnen nicht verstanden, geschweige denn als legitimer Standpunkt ernst genommen. Es wäre durchaus möglich, dass der Brief als subtilere Form der Einmischung angesehen wird und zu Gegenmaßnahmen Anlass gibt. Ein Sprecher des Außenministeriums, Qin Gang, der nach einem Kommentar auf den Brief des Papstes gefragt wurde, meinte: „Wir haben den Brief des Papstes zur Kenntnis genommen. China war immer schon für eine Verbesserung der Beziehung zwischen China und dem Vatikan und hat sich auch bemüht, darauf hinzuarbeiten. China ist weiterhin zu einem offenen und konstruktiven Dialog mit dem Vatikan bereit. Jedoch muss der Vatikan zunächst die sogenannten diplomatischen Beziehungen zu Taiwan aufgeben und die VR China als einzige Regierung Chinas anerkennen. Ferner soll er sich aller Einmischung in die internen Belange Chinas, auch wenn dies im Namen der Religion geschieht, enthalten. Wir erwarten vom Vatikan konkrete Schritte in dieser Richtung.“ Man spürt es, das ist eine ganz andere Wellenlänge als die, auf der das päpstlichen Schreiben in die Welt ging. Es bleibt nur zu hoffen, dass das Gebet des Papstes, das er dem chinesischen Volk am Ende seines Briefes verspricht, und der Segen, den er ihm gibt, noch stärker ist als alle seine Worte und stärker auch als alle „Gegenmaßnahmen“.

Der Autor, P. Anton Weber SVD, ist Direktor des katholischen China-Zentrums in St. Augustin.
Quelle: Die Tagespost 05.07.2007, 60. Jahrgang, Nr. 80, S. 9.