Gebete

Saat und Ernte

A Cai *

Die alten Tage haben sich verabschiedet.
Was bleibt, ist Häutung und eine leichte Bitterkeit.
Du und ich, wir lernen still zu sein.
Wir haben uns gerade erst entdeckt.
Getan war zu wenig, gesprochen zu viel.
Lass uns nun das Morgen erforschen.

Die Wege der Zukunft sind uns noch fremd.
An welchem Ufer wird unser Schiff anlegen?
Atme in vollen Zügen jedes kostbare Erleben!
Fühle den Pulsschlag unserer Zeit,
dann wirst du Worte und Taten verstehen
und auch dich selbst einschätzen können.

Wir wollen die Jahre nicht vergeuden.
Der Heilige Geist bringt uns in Bewegung.
Zögere nicht, weil du meinst,
die Jahreszeit wäre falsch
oder der Boden zu karg.
Lass uns säen und es willig tun,
dann werden wir einst mit Freuden ernten.

* A Cai ist Pastorin und Dichterin der Nationalen Minderheit der Miao.
Quelle: Monika Gänßbauer im Auftrag von EMW und China Infostelle hg.,
Christentum chinesisch in Theorie und Praxis, Breklum 2003, S

Zu dir allein

Xing Yue

Zu dir allein, Gott,
kann ich in meinem Leben
mit allen Fragen kommen -
du meine Hoffnung für und für.

In unzähligen Nächten
kam ich ungetröstet zu dir
und du warst mir Licht und Trost.
Du hast dich meiner
tiefen Unwissenheit erbarmt.
Wo Egoismen herrschten,
hast du Großmut geweckt.
Du hast mein verschüttetes Gewissen
wieder zum Vorschein gebracht,
den schwachen Glauben mir gestärkt
und alle Schuld vergeben.

Ich kann nicht sagen,
wie oft ich zu dir kam,
weinend oder heiter.
Doch jedes Mal warte ich voll Sehnsucht
auf die nächste Begegnung mit dir.

Quelle: Monika Gänßbauer im Auftrag von EMW und China Infostelle hg.,
Christentum chinesisch in Theorie und Praxis, Breklum 2003, S.195

Bittgebet

Wang Lingsang

Mein Herz ist verhärtet,
Schatten des Todes liegen wie Eishauch darauf.
Unter den Strahlen deiner Wahrheit lass' mein Herz
wie unter Frühlingssonne zu sich kommen, o Herr.

Meine Augen sind trüb,
dabei bin ich noch gar nicht lang auf der Welt.
Berühre mich, Heiliger Geist, bring' die Tränen des Schmerzes
zum Fließen und wasche mich rein.

Zerstört sind meine Ohren vom Gerede der Welt,
so dass kein Wort der Gnade durchdringen kann.
Herr, bereite deinem Wort einen Weg,
dass ich es höre wie heiligen Wind.

An meiner Zunge klebt Lüge wie Kohlenstaub,
zwischen den Zähnen quillt sie hervor.
Käme deine Wahrheit mir wie Feuer von den Lippen,
gäbe sie mir neue Worte für diese Welt.

Ich nenne zwei geschickte Hände mein,
sie spielen flink auf, unter Lampions, zum dunklen Wein.
Tauche sie in heiliges Wasser, o Herr,
dass sie dich preisen bis an die Enden der Welt.

Füße gehören mir, schnell wie der Wind,
nehmen weite Wege in Kauf für Luxus und ein Nest.
Strecke deine Hand nach mir aus,
dass ich das Wohl aller sehe,
und führe mich in Frieden
auf den richtigen Weg.

Quelle: Monika Gänßbauer im Auftrag von EMW und China Infostelle hg..
Christsein in China. Chinesische Stimmen aus Kirche und Forschung, Breklum 2000, S. 1

Nachtduft

Xu Fei

In Frühlingsregen und Wind
hat sich die Nacht eingeschlichen.
Sturm hat kleine Blüten aufgetan.

Ich frage euch: Wozu?
Ihre Schönheit, ihr Duft
werden ewig unbesungen bleiben.

"Nicht, dass ich verstanden werde,
sondern dass ich verstehe",
hat Franz von Assisi gebeten.

In einem chinesischen Weisheitsbuch heißt es:
"Welcher Mensch ist wahrhaft klug?
Der nicht verletzt ist,
wenn man ihn verkennt."

Die Bibel rät,
lass deine Linke nicht wissen,
wenn deine Rechte Gutes tut.

In unserem Handelnsoll Leben überfließen.
So wie sich manche Blumen
fraglos öffnen des Nachts.

Quelle: Monika Gänßbauer im Auftrag von EMW und China Infostelle hg..
Christsein in China. Chinesische Stimmen aus Kirche und Forschung, Breklum 2000, S. 116.

Reisesegen

Deng Xiaobin

Wer einen Ankerplatz hat, dessen Schiff läuft auch aus.
Kein Hafen ist denkbar ohne die Weite des Meers.
Die Zeit drängt zum Abschied, unbarmherzig -
egal, ob deine Zeit hier mit Tränen und Schmerz
oder Freundlichkeit Gottes gefüllt war.

Ich will dir nicht zu viel Segen mit auf den Weg geben.
Du weißt, keine Route hält nur gutes Wetter bereit.
Du wirst Sonnenlicht spüren und wütende Gischt.
Denn untrennbar hat das Leben beides bemischt:
Menschen und Erlebnisse, die du dir wünschst,
mit Unerbetenem, Unerfreulichem,
das dich straucheln, stürzen, kämpfen lässt,
aber auch stärker, getröstet und mutiger macht.

Nicht nur persönliches Wachstum wartet auf dich -
eine komplizierte Gesellschaft, eine Welt im Wandel,
verletzte Seelen und Kräfte, die nicht zum Guten sind.
Möge dir Gott all das klar und durchsichtig machen.
Der Herr des Lebens gebe dir Wahrheit und Gnade.
Gnade für die Kraft, Dinge anzugehen.
Wahrheit, um herauszufinden, wie.

Und vergiss nie: Gott ist auf keinen Ort
dieser Erde begrenzt. Wohin du auch gehst,
was immer du aus deinem Leben machen magst -
lass dich nicht trennen von ihm, der das Ziel
und der Grund deines Lebens ist.

Quelle: Monika Gänßbauer im Auftrag von EMW und China Infostelle hg..
Christsein in China. Chinesische Stimmen aus Kirche und Forschung, Breklum 2000, S. 117.

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