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Aloysius Jin Luxian - Bischof von Shanghai

Vorbemerkung von 30 Tage:

Der Jesuit Aloysius Jin Luxian wurde vor 92 Jahren in einem christlichen Dorf in der Peripherie von Shanghai geboren. Nach seiner Verhaftung am 8. September 1955 verbrachte er mehr als 20 Jahre im Gefängnis und danach unter Hausarrest. 1985 akzeptierte er seine Ernennung zum Bischof von Shanghai mit Anerkennung der Regierung, aber ohne die des Papstes. 2005 nahm Jin die Weihe seines Nachfolgers Joseph Xing Wenzhi vor. Xing Wenzhi war vom Papst ernannt, von der Diözese „gewählt“ und von der Regierung approbiert worden. Auch für Jins Episkopat blieb die kanonische Legitimierung des Papstes nun nicht länger aus, der Jin – allerdings ohne Erfolg – auch zur Bischofssynode über die Eucharistie nach Rom einlud [im Jahr 2005, vgl. China heute 2005, Nr. 4-5, S. 130f.]. – Der folgende Text wurde mit freundlicher Genehmigung aus der Zeitschrift 30 Tage, 2007, Nr. 6/7, S. 22ff., übernommen.

Der Brief des Papstes an die katholische Kirche in der Volksrepublik China wurde von den Gläubigen der ganzen Welt mit Bangen, von den Gläubigen Chinas mit Ungeduld erwartet. Am 30. Juni wurde er endlich veröffentlicht. Dank der Gnade des Herrn!
Nach der Veröffentlichung hat mir ein Freund den chinesischen Text zukommen lassen. Ich habe ihn zweimal aufmerksam gelesen und war zutiefst gerührt. Ich habe mich dann gleich in meine kleine Kapelle begeben und ihn in meinem Herzen meditiert. Amen, Halleluja! Danach habe ich ihn gemeinsam mit den Priestern meditiert und möchte meinen ersten Eindruck nun gerne mit Ihnen allen teilen.
In seiner Eigenschaft als Hirte der Universalkirche, mit dem Herzen eines geistlichen und barmherzigen Vaters, in aller Sachlichkeit und Ruhe, legt uns der Papst in einfacher und klarer Weise dar, was die Natur, die Sendung, die Aufgabe und die Organisation der Kirche CHRISTI sind. Gegründet sind seine Ausführungen auf die Heilige Schrift, die Dokumente des II. Vatikanischen Konzils, den Kodex des Kanonischen Rechtes und die Lehre des verstorbenen JOHANNES PAUL II. Ich hatte dabei das Gefühl, mich in einer großen Vorlesung der Ekklesiologie zu befinden. Der Papst lässt mich so unsere Kirche noch mehr lieben und gibt mir die Entschlossenheit, bei meiner Aufgabe als Ortsbischof noch einen weiteren Schritt zu tun, um schon bald die Hoffnung und das Anliegen JESU zu verwirklichen: „Ein Hirt und eine Herde“.
Der Brief des Papstes ist an die katholische Kirche in der Volksrepublik China gerichtet. Diese katholische Kirche, die in der Volksrepublik China lebt, ist nur eine, es gibt keine zwei, es gibt keinen „Untergrundteil“ und auch keine offiziellen Teile. Die ganze Kirche in China glaubt einhellig an die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche. Wir haben zusammen einen einzigen Hirten, leben gemeinsam in einer einzigen Herde. Das sagt der Papst klar und unmissverständlich. An diesem Punkt möchte ich mich an unsere Freunde im Ausland wenden, die sich um unsere Kirche sorgen: euch bitte ich, dem Papst zur Seite zu stehen, nicht mehr von unserer Kirche als zwei Kirchen zu sprechen, die eine zu begünstigen, die andere zu leugnen – uns kein Etikett mehr aufzupressen, nicht länger von „Gläubigen“ und „nicht Gläubigen“, „Offiziellen“ und „nicht Offiziellen“ zu sprechen. Der Hl. Stuhl weiß, wie die Umstände der Vergangenheit waren; ihm liegt sowohl die Gegenwart als auch die Zukunft unserer Kirche am Herzen. Als Hirte der Universalkirche ist der Blick des Papstes natürlich auf das gerichtet, was vor ihm liegt, er bleibt nicht in der Vergangenheit. Für uns gehören die Ereignisse von gestern der Vergangenheit an, für den Ewigen Vater ist das nicht so, für ihn kann keines unserer Worte, nichts von unserem Handeln ausgelöscht werden. Der Lohn Gottes übertrifft bei weitem unsere Verdienste und unsere Hoffnungen.
Die Kirche Chinas ist nur eine. Brüder und Schwestern, gemeinsam überqueren wir den Fluss, gemeinsam leben wir in Harmonie und Freude. Das ist die Hoffnung, die dem Papst am teuersten ist.
Aber in seinem Brief schreibt der Papst auch voller Ernst: „Diese Hinweise, die die Natur selbst der Universalkirche betreffen, haben eine besondere Bedeutung für die Kirche in China. In der Tat entgehen euch nicht die Probleme, mit denen sie sich momentan auseinandersetzt, um – in ihrem Inneren und in ihren Beziehungen mit der bürgerlichen Gesellschaft Chinas – Spannungen, Spaltungen und Schuldzuweisungen zu überwinden.“ Daher betont er auch die Notwendigkeit der Vergebung und der Aussöhnung und sagt, dass wir uns alle der Tatsache bewusst sind, „dass dieser Weg sich nicht von heute auf morgen erfüllen können wird.“
Unsere Diözese Shanghai wird ihren ganzen Einsatz, all ihre Kraft darauf verwenden, dass sich diese Hoffnung des Papstes so schnell wie möglich erfüllen kann.
Die Kirche außerhalb Chinas, in einem jeden Land und in einigen Territorien, hat die Organe der Bischofskonferenzen oder der Bischofsversammlungen. Die Situation Chinas ist keine normale Situation. Vor 20 Jahren rief die Kirche Taiwans eine Bischofskonferenz ins Leben und nannte sie „Bischofskonferenz der Kirche Chinas“. Der vorherige Papst gab ihnen zu verstehen, dass dieser Name nicht korrekt sei, weil ihre Mitglieder nur die wenigen Ortsbischöfe der Insel Taiwans waren. Die Bischöfe Taiwans nahmen den Rat des Papstes mit Freuden an und änderten den Namen.
Einmal kam es vor, dass einige Untergrundbischöfe Chinas eine chinesische Bischofskonferenz gründeten und Rom Bericht erstatteten, damit sie approbiert würde. Die Approbation aus Rom blieb aus. Der Grund war ein einfacher: dieser Organisation gehörten keine „offiziellen“ Bischöfe an.
Die „offizielle“ Bischofskonferenz wurde vor mehr als 10 Jahren gegründet. Natürlich wurde Rom nicht Bericht erstattet. Wie hätte sie aber ohne Berichterstattung approbiert werden sollen? Einer nationalen Bischofskonferenz müssen immer alle Bischöfe des Landes angehören, und erst wenn ihr Name der Realität entspricht, wird sie eine nationale Bischofskonferenz. Ich hoffe, dass das schon bald der Fall sein wird.
In seinem Brief stellt der Papst fest, „dass der Anspruch einiger vom Staat gewollter und der Struktur der Kirche fremder Organe und Einrichtungen, der darin besteht, sich über die Bischöfe selbst zu stellen und das Leben der kirchlichen Gemeinde zu lenken, nicht der katholischen Lehre entspricht“. Hier spielt er offensichtlich auf die Patriotische Vereinigung an, die vor 50 Jahren gegründet wurde. Dieses Mal sagt der Hl. Stuhl zum ersten Mal, welche Position er dazu einnimmt. In seinen Augen hat die Patriotische Vereinigung drei Konnotationen: erstens, sie ist vom Staat gewollt, zweitens, sie ist der Struktur der Kirche fremd, drittens, sie stellt sich über die Bischöfe selbst, um die Kirche zu leiten. Ich war fast 20 Jahre lang Bischof von Shanghai. Die Patriotische Vereinigung in Shanghai hat sich niemals über mich gestellt: im Gegenteil. Sie hat meine Weisungen akzeptiert. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte Shanghai eine Katholische Aktion ins Leben gerufen. Unter ihren Mitgliedern waren auch so namhafte Persönlichkeiten wie LU BAIHONG, ZHU ZHIYAO und andere. Für ihre Verdienste um die Evangelisierung wurden sie vom Vatikan ausgezeichnet. Sie haben der Diözese Shanghai große Ehre gemacht und auch als Brücke zwischen der Diözese und der Regierung fungiert, haben Probleme gelöst, die die ausländischen Missionare nicht lösen konnten. Ich hoffe, dass die Katholiken der Diözese Shanghai stets weiter diesen Geist der Katholischen Aktion verfolgen, den Geist entwickeln, den die Laien haben müssen. Ich sage oft: „Das derzeitige Jahrhundert wird das Jahrhundert der Laien sein; ich setze große Hoffnungen in die ‚reifen‘ Freunde Shanghais.“
Ich möchte noch kurz auf den zweiten Teil des Briefes des Papstes eingehen, in dem auf die Normen des pastoralen Lebens verwiesen wird.
Obwohl die Diözese Shanghai seit 20 Jahren die eigene Kirche entwickelt hat nach dem Geist des Evangeliums, des Kodexes des Kanonischen Rechtes und der Dokumente des II. Vatikanischen Konzils, müssen wir uns zum derzeitigen Zeitpunkt niedersetzen und darüber nachdenken, wo die Mängel liegen. Nur so können wir die Maßnahmen treffen, die nötig sind, um uns in Zukunft noch besser um die Diözesen und Pfarreien kümmern zu können.
Der Brief stellt auch heraus, wie wichtig die Ausbildung im Seminar ist. Ich glaube, dass es dem Papst ein Trost ist zu wissen, dass wir in der Diözese Shanghai auf dem Sheshan ein Seminar geschaffen haben: das erste Seminar, das nach der Reform und der Öffnung Chinas der Welt gegenüber seine Pforten öffnen konnte. Die Diözese Shanghai hat alle möglichen Schwierigkeiten überwunden, wie das Fehlen von Büchern, den Mangel an Ressourcen. Im Laufe der Jahre konnten mehr als 400 junge Priester ausgebildet werden. Bei dieser Gelegenheit möchte ich meine tiefe Dankbarkeit unseren Brüdern und Schwestern der Kirche Deutschlands, Österreichs und anderswo zum Ausdruck bringen. Allen, die das Seminar von Sheshan so großzügig unterstützt haben, besonders der Gesellschaft Maryknoll, den Steyler Missionaren, der Kongregation vom Unbefleckten Herzen Mariens [Scheutvelder Missionare], dem Dominikanerorden, der Gesellschaft der Salesianer, der Gesellschaft San Colombano, der Gesellschaft Jesu. Ich bitte euch, für sie zu beten und Gott zu bitten, es ihnen mit dem Hundertfachen zu vergelten.
Der letzte Absatz des Briefes des Papstes ist mir eine ganz besondere Freude, ein großer Trost. Der Papst will, dass der liturgische Gedenktag der Allerseligsten Jungfrau MARIA unter dem Titel Hilfe der Christen ein Fest des Gebets der ganzen Kirche in der Welt für die Kirche in China sei. Ich denke, dass die Gläubigen von Shanghai überglücklich sein werden, wenn sie das hören. Danke, Heiliger Vater!
Das ist für die Diözese Shanghai eine große Ehre, gleichzeitig aber auch eine große Verpflichtung. Vor allem müssen wir die Muttergottes mit großem Eifer verehren, es ihr nachtun, uns verpflichten, ihre Söhne und Töchter zu sein, ein Vorbild für die anderen Katholiken. Und da nun sicher sehr viele Gläubige nach Sheshan pilgern werden, müssen wir Katholiken von Shanghai auch vorbereitet sein. Wir müssen gute Gastgeber sein, damit die chinesischen und ausländischen Gläubigen in uns den Ruhm der göttlichen Liebe erkennen können, immer zahlreicher kommen und zufrieden wieder nach Hause gehen.
Am Schluss betont der Brief des Papstes auch die Rolle des Bischofs, spricht als wesentlichen Punkt die Pflichten des Bischofs an. Ich empfinde freudige Erregung und Furcht zugleich. Ich bin schon 92 Jahre alt. Der Papst ruft uns die Worte des Apostels PAULUS ins Gedächtnis: das Leben ist CHRISTUS und der Tod eine Segnung. Ich bitte alle, für mich zu Gott zu beten, damit ich wirklich CHRISTUS leben kann und letztendlich das Glück eines friedlichen Todes erfahre. Amen.

Aus: China heute 2007, Nr. 4-5, S. 153-155