
China ist in aller Munde. Es präsentiert sich bewusst als ein Land mit Zukunft, ja das Land der Zukunft. Dieses Selbstverständnis scheint durch seine rasante wirtschaftliche Entwicklung Bestätigung zu finden. Wer vor zwanzig Jahren das Land besucht hat und es heute wieder sieht, kann sich tatsächlich des Eindrucks nicht erwehren, dass da ein ungeheurer Aufbruch geschehen ist. Der große Sprung nach vorn, von dem Chairman Mao geträumt hatte und den er unter unsäglichen Opfern seines Volkes vergeblich zu erzwingen versucht hatte, ist offenbar mit der Jahrtausendwende unter merklichen Zugeständnissen an kapitalistische Vorstellungen möglich geworden.
Äußerer wirtschaftlicher Aufschwung – von dem viele profitieren – ist jedoch nicht alles. Was sich in den Megastädten in Form von Wäldern aus Beton und Glas als Fortschritt zur Schau stellt, kann die traurigen sozialen Verhältnisse, welche die Lebensqualität von Abermillionen der Bewohner Chinas auf tiefstem Niveau halten, nicht mehr verbergen. Ganz Deutschland war schockiert als vor kurzem eine Reportage im Weltspiegel der ARD aufzeigte, wie Eltern verzweifelt ihre Kinder suchten, die spurlos verschwunden waren, nachdem sie von geldgierigen Fabrikanten von der Straße weggeholt worden waren, um unter unmenschlichen Bedingungen als Kindersklaven zu arbeiten.
Aber es ist nicht so, dass sich in China das Gewissen nicht regte. Verantwortungsbewusste und wagemutige Rechtsanwälte setzen sich unter großer Gefahr für sich selber und ihre Familien für Recht und Gerechtigkeit ein. Sie stellen sich gegen korrupte Beamte auf die Seite der Geschädigten und Betrogenen und bringen Lichtblicke in eine Welt, wo ansonsten Profit und Machtgier das Urteil über Recht und Unrecht fällen. Katholische Nonnen betreuen um die Uhr behinderte Kinder, die sie aufgesammelt und in Heimen untergebracht haben, nachdem sie von der eigenen Familie als unerwünscht ausgesetzt worden waren. Der Staat, für den diese Kinder unproduktiv sind und eine Last bedeuten, tut nichts für sie. Sie passen auch nicht in das Konzept einer „harmonischen Gesellschaft“, die beim diesjährigen 17. Parteikongress lautstark vom Staatspräsident und Parteisekretär Hu Jintao als Ziel und Leitideal für Partei und Volk verkündet wurde.
Es ist noch vieles da, was das Wunschbild einer „harmonischen Gesellschaft“, wie sie der Sozialismus chinesischer Prägung zu entwerfen sucht, stört und deshalb mit viel Geschick totgeschwiegen werden muss oder mit Gewalt unterdrückt wird. Dennoch nehmen auch in China Wahrheit und Gerechtigkeit unaufhaltbar ihren Lauf. Die Bürger dieses riesigen Landes sind zu sehr Mensch, als dass sie sich nicht nach mehr Freiheit und Gerechtigkeit sehnen. Das jahrtausende alte kulturelle Erbe ist reich und prägt das Volk bis heute. Für viele gewinnt auch die Religion an Bedeutung. Sie auszulöschen, ist der kommunistischen Staatsführung nicht gelungen, so bleibt ihr nur der Versuch, deren Wirkung zu steuern. Zum ersten Mal wurde jetzt auch in den Parteistatuten der Existenz der Religionen Erwähnung getan. Aus der Parteiperspektive werden sie jedoch lediglich als ein Faktor behandelt, der zur wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung des Landes unter den von der Partei vorgegebenen Direktiven beizutragen hat.
Die Einlösung des Versprechens der Regierung, im Prozess der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele auch die Menschenrechtslage im Lande zu verbessern, steht noch aus. Es bleibt zu hoffen, dass China dem Anspruch, auf der globalen Bühne nicht nur als Wirtschafts- und Militärmacht, sondern auch als demokratischer Rechtsstaat auftreten zu können, in absehbarer Zeit gerecht werden wird und auch als solcher ernst genommen werden kann.
Quelle: Hirschberg, Jahrgang 61, Ausgabe Nr. 2, Februar 2008, S. 70.