Die Zeitschrift China heute beschäftigt sich mit Religionen im chinesischen Kulturraum, wobei dem Christentum in der VR China besondere Aufmerksamkeit gewidmet wird. Die 1982 im Institut Monumenta Serica begründete Zeitschrift liefert aktuelle Informationen, Dokumente, Hintergrundberichte und Analysen sowie historische und bibliographische Notizen. China heute wird viermal im Jahr vom China-Zentrum herausgegeben.

Chronik zu Religion und Kirche in China 19. März 2018 bis 30. Juni 2018

Die „Chronik zu Religion und Kirche in China“ erscheint seit Anfang 2010 regelmäßig in den Informationen von China heute. Da manche Nachrichten (der Redaktion) erst später bekannt werden, kann es zu Überschneidungen zwischen den Chroniken kommen, wobei jeweils in der vorangegangenen Nummer bereits erwähnte Ereignisse nicht noch einmal aufgeführt werden. Alle Chroniken finden sich auch online auf der Website des China-Zentrums (www.china-zentrum.de).
Der Berichtszeitraum der letzten Chronik (2018, Nr. 1, S. 8-18) reichte bis einschließlich 13. März 2018.

Politik

21. März 2018:
Kommunistische Partei Chinas veröffentlicht „Plan zur Vertiefung der Reform der Organe von Partei und Staat“, der die Trennung zwischen Partei und Staat weiter verwischt
Im Rahmen des sehr weitreichenden Umbaus wurde u.a. eine Reihe bedeutender staatlicher Behörden Parteiorganen unterstellt. So wurden das Staatliche Büro für religiöse Angelegenheiten, die Staatliche Kommission für ethnische Angelegenheiten und das Büro für Überseechinesenangelegenheiten des Staatsrats der Abteilung für Einheitsfrontarbeit der KP Chinas eingegliedert oder unterstellt. Diese und zahlreiche weitere Verschiebungen im Apparat der Partei- und Regierungsorgane werden als Stärkung des Primats der Partei über den Staat und als Umkehrung der von Deng Xiaoping errichteten Strukturen mit einer stärkeren Trennung von Partei und Regierung gesehen. Auch „Massenorganisationen“ – zu denen die offiziellen religiösen Vereinigungen gehören – sind laut Xinhua Teil des Reformplans, dazu gab es aber keine weiteren Angaben (AsiaNews 7.05.; Global Times 21.03.; gov.cn 24.03.; Merics China Update 6/2018; UCAN 27.03.; Xinhua 21.03.).
Siehe die Einträge vom 21. März 2018 und vom 1. April 2018 in der Rubrik „Religionspolitik“.

18. April 2018:
China gründet Agentur für internationale Entwicklungszusammenarbeit
China gab offiziell die Gründung einer Agentur für internationale Entwicklungszusammenarbeit bekannt. Die neue Agentur wird verantwortlich sein für die strategischen Leitsätze und die politische Linie bei Auslandshilfe, für die Koordination und das Erstellen von Vorschlägen zu wichtigen davon betroffenen Aspekten, für die Reform des Systems der Auslandshilfe und für die Planung und Überwachung ihrer Umsetzung. Damit wird die bisher auf zahlreiche Behörden verteilte Entwicklungszusammenarbeit zentralisiert. Bisher hat China vor allem Entwicklungsprojekte in Anrainerstaaten gefördert und damit insbesondere die Seidenstraßen-Initiative unterstützt. Ob in Zukunft mehr Gelder in Entwicklungsländer fließen und dabei die chinesischen wirtschaftlichen Interessen weniger als bisher im Vordergrund stehen, bleibt abzuwarten (Xinhua 18.04.; Merics China Update 6/2018, 9.–22.03.).

5. Mai 2018:
Feierlichkeiten zu Ehren von Karl Marx’ 200. Geburtstag
Karl Marx, am 5. Mai 1818 in Trier geboren, würde dieses Jahr 200. Die chinesische Regierung nahm dies zum Anlass, der Stadt Trier eine 5,50 m große Statue für die Erinnerung an den „größten Philosophen in der Geschichte der Menschheit“ zu schenken. Xi Jinping huldigte mit solchen Bezeichnungen Karl Marx in seiner Rede in der großen Gedenkfeier in der Großen Halle des Volkes in Beijing am 4. Mai, wie von Xinhua berichtet. Der Trierische Volksfreund berichtete über die feierliche Enthüllung der Statue am 5. Mai, die unter Beisein des Trierer Oberbürgermeisters Wolfram Leibe, der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer und auch von Guo Weimin, Vizeminister des Presseamtes des chinesischen Staatsrates, stattfand.
Xi Jinping sprach in seiner Rede weiter, dass es darum gehe, die feste Überzeugung von der „wissenschaftlichen Wahrheit des Marxismus“ zu demonstrieren. In der Analyse dieser Rede von der Renmin Ribao wurde betont, wie wichtig der Marxismus für China sei, und Xis Beitrag wurde als eine hervorragende Zusammenfassung des chinesischen Marxismus gelobt.
Cary Huang kritisierte die chinesische Regierung scharf in ihrer Kolumne in der South China Morning Post. Sie interpretierte diese Betonung und Hinwendung zum Marxismus als Zeichen der Abwehrhaltung gegen Kräfte, die sich gegen die absolute Macht der Partei und ihrer Führung wendeten. In China seien längst keine Zeichen des Marxismus mehr zu finden, im Gegenteil, es sei eine kapitalistische, marktorientierte Gesellschaft, die immer häufiger Züge annehme, wie man sie bei Charles Dickens beschrieben findet. Dies seien Ausformungen, gegen die gerade Karl Marx sich mit seinen Überzeugungen eingesetzt habe. Willy Lam Wo-lap sagte laut Ping Kuo Jih Pao, dass die chinesische Führung versuche, über ihre Rückbindung an die Leitfigur Marx ihre Legitimation aufrechtzuerhalten.
Der katholische Bischof von Trier, Stephan Ackermann, sagte in einem Interview mit der KNA, dass Marx Anstöße für soziale Reform gegeben hätte, aber er bestimmt kein Heiliger gewesen sei. Ackermann sprach von der wichtigen Kritik an Systemen, die die Menschen als Arbeiter ausbeuteten. Hier habe Marx sich sehr berechtigt für Reformen stark gemacht. Der historische Marxismus habe allerdings auch einiges an „Unheil“ über die Welt gebracht (KNA 5.05.; Ming Pao 5.05.; Ping Kuo Jih Pao 5.05.; Renmin Ribao 6.05.; South China Morning Post 12.05.; Xinhua 4.,6.05.).

Religionspolitik

21. März 2018:
Staatliches Büro für religiöse Angelegenheiten wird in die Einheitsfrontabteilung eingegliedert, Partei übernimmt direkte Kontrolle über Religionen
In der Doppelstruktur von Partei- und Staatsorganen war das 1951 (unter anderem Namen) gegründete und 1979 nach der Kulturrevolution wiedergegründete Staatliche Büro für religiöse Angelegenheiten 国家宗教事务局 (BRA, engl. State Administration for Religious Affairs, SARA) unter dem Staatsrat für die konkrete Durchführung der Religionspolitik und Beaufsichtigung der religiösen Organisationen zuständig, während seitens der Partei die Abteilung für Einheitsfrontarbeit des Zentralkomitees die politische Aufsicht über die Religionsarbeit hatte. Im Zuge der Umstrukturierung der Organe von Partei und Staat (s.o.) wurde nun – wie das Zentralkomitee der KP Chinas am 21. März bekanntgab und der Staatsrat am 24. März bestätigte – das BRA als eigenständige Regierungsbehörde aufgehoben und in die Einheitsfrontabteilung (EFA) der Partei eingegliedert, seine Aufgaben wurden von der EFA übernommen; die EFA wird nach außen das staatliche „Schild“, d.h. den Namen des BRA, weiter verwenden. Das heißt also, dass die spezifischen religiösen Angelegenheiten und Organisationen künftig ausschließlich durch die Partei und nicht mehr durch den Staat verwaltet werden, auch wenn neben dem Namen möglicherweise Personal und Strukturen teilweise ebenfalls vom BRA in die EFA übernommen werden. Laut AsiaNews vermuten einige Beobachter, dass das BRA zum ausführenden Arm der EFA werden könnte. Dies erscheint denkbar angesichts der Tatsache, dass in dem „Plan zur Vertiefung der Reform der Organe von Partei und Staat“ unter der Auflistung der künftigen Aufgaben der EFA die bisherigen konkreten Aufgaben des BRA, wie Formulierung von Rechtsnormen oder Beaufsichtigung der religiösen Organisationen, fehlen. Es bleibt auch abzuwarten, wie sich die Umstrukturierung der Organe auf lokaler Ebene auswirkt. Dort hatte der Klerus an der Basis in der Praxis mit Vertretern beider Behörden zu tun.
Stimmen aus den chinesischen Kirchen und Kommentatoren werteten die Einverleibung des staatlichen BRA in die EFA als Signal für eine stärkere Parteikontrolle über die Religionen (AsiaNews 3.04.; 7.05.; chinasource.org 2.04.; gov.cn 24.03.; Xinhua 21.03.).
Siehe hierzu den Beitrag in den Informationen und den Wortlaut der Beschlüsse zur Umstrukturierung des BRA in der Dokumentation.

1. April 2018:
Wang Zuo’an wird Vizeminister der Einheitsfrontabteilung
Am 1. April wurde bekanntgegeben, dass Wang Zuo’an zu einem der zehn Vizeminister der Einheitsfrontabteilung (EFA) befördert worden ist und gleichzeitig sein bisheriges Amt als Direktor des Staatlichen Büros für religiöse Angelegenheiten (BRA) weiterführen wird. Der 1958 geborene Wang, der 1983–1987 bereits bei der EFA tätig gewesen war, wechselte anschließend zum BRA und war seit 2009 dessen Direktor. Beim 19. Parteitag der KPCh im Herbst 2017 war er nicht wieder ins Zentralkomitee gewählt worden.
In einer Pressekonferenz am 3. April (s.u.) erklärte Chen Zongrong, bisher Vizedirektor des BRA, dass am 1. April auf einer Versammlung der leitenden Beamten der EFA sowie des BRA und des Büros für Überseechinesenangelegenheiten des Staatsrats, welche beide in die EFA eingegliedert werden, die neue Organisationsstruktur formell verkündet worden sei. Man befinde sich im Readjustierungsprozess und es werde eine neue EFA-Führungsriege aufgestellt werden. Die neue Struktur werde die institutionellen Mechanismen der Religionsarbeit optimieren und die einheitliche Führung der Partei über die Religionsarbeit stärken. Die KPCh befürworte und propagiere den Atheismus, das bedeute aber nicht, dass sie die Freiheit des religiösen Glaubens nicht schützen und respektieren könne, so Chen (AsiaNews 3.04.; english.scio.gov.cn 3.04.; fo.ifeng.com 2.04.).

3. April 2018:
Staatsrat veröffentlicht Weißbuch „Chinas Politik und Praxis beim Schutz der Freiheit religiösen Glaubens“
Zuletzt hatte China 1997 sein erstes Weißbuch zum Thema Religionsfreiheit publiziert. Das neue Weißbuch gibt im Wesentlichen bekannte Positionen der chinesischen Religionspolitik wieder. Es verzichtet dabei auf die ausführliche Darstellung der „schimpflichen Rolle“ der westlichen Missionare im 19./20. Jh., die dem Weißbuch von 1997 eine ideologisch sehr konservative Prägung gegeben hatte. Die Zahl der Religionsanhänger in China beziffert es auf 200 Mio. (1997: 100 Mio.). In der Pressekonferenz anlässlich der Bekanntgabe des Dokuments sagte Chen Zongrong, bisher Vizedirektor des Staatlichen Büros für religiöse Angelegenheiten, dass die alte Zahl 100 Mio. auf eine Aussage von Zhou Enlai aus den 1950ern zurückgehe und die Bevölkerung Chinas sich seither mehr als verdoppelt habe (english.scio.gov.cn 3.04.).
Siehe die Übersetzung des Weißbuchs in der Dokumentation und den Beitrag in den Informationen dieser Nummer.

4. April 2018:
Lokale Behörde in Henan fordert alle Bewohner, die an eine der fünf Religionen glauben, auf, sich zu registrieren
In einer auf 4. April datierten Bekanntmachung des Nachbarschaftsviertels Pingyuan, das vermutlich zur Stadt Anyang in Henan gehört, werden die Bewohner, die an Buddhismus, Daoismus, Katholizismus, Protestantismus oder Islam glauben, aufgefordert, sich zügig beim Nachbarschaftsviertel (also der untersten Verwaltungsebene) zu registrieren. Dies berichtete die in den USA ansässige Organisation China Aid, die auch ein Foto der Bekanntmachung veröffentlichte. Eine Angestellte des Nachbarschaftskomitees von Pingyuan sagte zu China Aid am Telefon, es seien Haushaltsregistrierung und Personalausweis mitzubringen und Name und persönliche Daten, Religionszugehörigkeit und wann konvertiert, Religionszugehörigkeit der Familienmitglieder etc. anzugeben. Auch die parteinahe Global Times schrieb, ein Angestellter des Nachbarschaftskomitees habe die Bekanntmachung bestätigt und gesagt, dass „die höhere Religionsbehörde“ die Nachbarschaftsviertel gebeten habe, „einen Zensus zu machen“ (chinaaid.org 11.04.; globaltimes.cn 9.04.; UCAN 13.04.).
Die Registrierung einfacher Gläubiger ist in der VR China bisher völlig unüblich. Die ab 1. Februar geltenden revidierten „Vorschriften für religiöse Angelegenheiten“ sehen vor, dass Dorfbewohnerkomitees und Einwohnerkomitees die Regierung bei der Verwaltung der religiösen Angelegenheiten unterstützen müssen (§ 6). Zur Situation in Henan siehe auch die Rubriken „Christentum“, „Protestantismus“ und „Katholische Kirche“.

7. Mai 2018:
Staatliches Büro für religiöse Angelegenheiten (BRA) veröffentlicht Entwurf zu „Maßnahmen für die Verwaltung kollektiver religiöser Aktivitäten von Ausländern auf dem Territorium der Volksrepublik China“
Es handelt sich um einen „Entwurf zur Einholung von Meinungen“ mit Frist bis zum 7. Juni 2018. Dem Entwurf zufolge betrifft die neue Regelung religiöse Versammlungen ab 50 Personen (§ 2). Kollektive religiöse Aktivitäten von Ausländern (krAA) müssen in registrierten Stätten für religiöse Aktivitäten (Tempel/Kirchen) stattfinden oder in von den Religionsbehörden genehmigten provisorischen Orten für krAA (§ 3). Neu ist das Antragsverfahren durch mindestens drei gewählte Vertreter der Ausländer, die krAA durchführen möchten, „Veranstalter“ genannt; diese dürfen „keine negativen Einträge haben“, keine Immunität in China genießen und jeweils nur an einer Stätte als Veranstalter fungieren (§ 5). Die Veranstalter stellen den Antrag bei der religiösen Organisation der jeweiligen Religion und unterzeichnen einen Vertrag mit dem betreffenden Tempel/Kirche, der den Behörden zur Akteneintragung gemeldet wird (§§ 6, 7). Gastgebende Tempel/Kirchen stellen die Geistlichen für die Leitung der krAA; falls es wirklich notwendig ist, dass ein Ausländer den Gottesdienst leitet, muss dies ebenfalls den Behörden gemeldet werden (§ 8). Das Verfahren der Beantragung eines provisorischen Orts für krAA (§ 9 ff.) ermöglicht Gottesdienste für Ausländer, die in China nicht anerkannten Religionen anhängen, wie Juden, Mormonen oder Bahai’i. Chinesische Bürger dürfen nicht an krAA teilnehmen (§ 16). KrAA „müssen die Verwaltung durch die Behörden für religiöse Angelegenheiten akzeptieren“; gastgebende Tempel/Kirchen oder Anbieter temporärer Stätten müssen sich proaktiv über die krAA informieren und gesetzeswidrige Handlungen umgehend den Behörden melden (§ 18). Verstoßen sie bei ihren Diensten für krAA gegen Gesetze und Rechtsnormen, werden sie nach dem Gesetz bestraft (§24).
Grundlage der neuen, noch nicht erlassenen Maßnahmen sind die weiterhin gültigen „Verwaltungsvorschriften für religiöse Aktivitäten von Ausländern auf dem Gebiet der VR China“ (1994) und die „Durchführungsbestimmungen“ zu denselben (2000, Revision 2011). Der chinesische Text des Entwurfs der neuen Vorschriften (中华人民共和国境内外国人集体宗教活动管理办法[征求意见稿]) und eine englische Übersetzung finden sich bei www.chinalawtranslate.com.

23. Mai 2018:
Landesweite Arbeitssitzung der Einheitsfrontabteilung zur Regulierung des „exzessiven Errichtens großer religiöser Statuen im Freien“
Wang Zuo’an, im Bericht als „Vizeminister der Abteilung für Einheitsfrontarbeit des Zentralkomitees und Direktor des Staatlichen Büros für religiöse Angelegenheiten“ bezeichnet, hielt die Hauptrede, Verantwortliche der Einheitsfrontabteilungen und Religionsbehörden aller Provinzen nahmen teil. Die Sitzung rief dazu auf, die Regulierung des Baus großer religiöser Statuen im Freien zur Priorität bei der Regulierung des Problems der Kommerzialisierung des Buddhismus und Daoismus zu machen (zytzb.gov.cn 25.05.).
Hierzu waren im November 2017 neue Direktiven erlassen worden (siehe die Übersetzung in der Dokumentation). Gemeint sind wohl in erster Linie buddhistische und daoistische Riesenstatuen, für deren Besuch oft Eintritt zu zahlen ist. In den letzten Monaten wurde aber auch vom Abriss eines katholischen Kreuzwegs in Henan und einer Heiligenfigur in Hebei berichtet (siehe Eintragungen vom 5. Juni 2018 und von Mai 2018 in der Rubrik „Katholische Kirche“).
Seit Inkrafttreten der revidierten Vorschriften für religiöse Angelegenheiten am 1. Februar d.J. ist der Bau großer religiöser Statuen im Freien außerhalb des Geländes religiöser Stätten verboten und muss auch innerhalb behördlich genehmigt werden (§ 30).

1. Juni 2018:
Staatliches Büro für religiöse Angelegenheiten (BRA) veröffentlicht „Maßnahmen für die Genehmigung und Verwaltung provisorischer Orte für religiöse Aktivitäten“
Eine wichtige Neuerung durch die Revision der „Vorschriften für religiöse Angelegenheiten“, die am 1. Februar 2018 in Kraft trat, war die Einführung von „provisorischen Orten für Aktivitäten“ in § 35. Details werden nun in den neuen, auf 22. Februar 2018 datierten „Maßnahmen“ festgelegt. Der Antrag dazu kann von religiösen Bürgern gestellt werden, wenn das Bedürfnis nach kollektiven religiösen Aktivitäten besteht, aber die Hürden für die Errichtung einer regulären Stätte für religiöse Aktivitäten (mit einer aufwendigen Vorbereitungsphase, Nachweis von Finanzen etc.) zu hoch sind. Voraussetzung für den Antrag ist, dass es im Umkreis noch keine Stätte derselben Religion gibt. Die Genehmigung gilt maximal drei Jahre. Der Antrag wird durch gewählte Vertreter der Gläubigen gestellt, die auch eine Verpflichtungserklärung bezüglich der Einhaltung der Gesetze u.a. unterschreiben müssen. Der Antrag wird direkt bei den lokalen Religionsbehörden gestellt, diese holen die Zustimmung der jeweiligen lokalen religiösen Organisation ein, die dann gegenüber der provisorischen Stätte aufsichtspflichtig und weisungsbefugt ist. Religiöse Aktivitäten an provisorischen Orten dürfen weder von Personen ohne offiziellen Status eines religiösen Amtsträgers noch durch Ausländer geleitet werden, die Annahme von Spenden aus dem Ausland ist nicht erlaubt (siehe die deutsche Übersetzung der „Maßnahmen“ in der Dokumentation).
Ziel der neuen Vorschriften dürfte es v.a. sein, informelle Treffpunkte zu regulieren, die sich aufgrund von Migration und Urbanisierung gebildet haben, wie die in der chinesischen Fachliteratur beschriebenen informellen Gebetsstätten muslimischer Arbeitsmigranten aus Nordwestchina in den Shanghaier Außenbezirken, wo es keine regulären Moscheen gibt. Auch für kollektive Aktivitäten von Protestanten, die sich bisher in „privat errichteten Treffpunkten“ (d.h. Hauskirchen) versammeln, sind sie offenbar gedacht, wie einer Anmerkung von Chen Zongrong (BRA) auf einer Pressekonferenz zu entnehmen war (siehe Eintrag vom 3. April 2018 in der Rubrik „Religionspolitik“). Doch dürfte dies für Hauskirchen, die sich von der „Drei-Selbst-Kirche“ distanzieren, eine nur begrenzt attraktive Alternative sein angesichts der vorgesehenen Aufsichtsfunktion der Letzteren.

8., 12. und 30. Juni 2018:
In Ningxia und Beijing werden „Vier-Hinein“-Aktionen für religiöse Stätten eröffnet
Nachdem die Kampagne der „Vier-Hinein“-Moscheen im Nordwesten der VR China bereits im Mai gestartet worden war (siehe den Eintrag vom Frühjahr 2018 in der Rubrik „Islam“), wurde sie im Juni an einigen Orten auf alle fünf Religionen ausgedehnt. Die „Vier Hinein“ (四进) sind: Nationalflagge, Verfassung und Gesetze, sozialistische Kernwerte sowie die vorzügliche traditionelle chinesische Kultur. Sie sollen in die Stätten für religiöse Aktivitäten Eingang finden. In Ningxia wurde die Eröffnung am 8. Juni von Buddhisten und Protestanten, am 12. Juni von Daoisten und Katholiken durchgeführt. Fotos zeigen feierliche Flaggenhisszeremonien. In Beijing fand am 30. Juni auf Stadtebene eine „Vier-Hinein“-Eröffnung aller fünf Religionen auf dem Platz vor der protestantischen Haidian-Kirche statt. Aus vielen Provinzen findet man aber keine Nachrichten über „Vier-Hinein“-Aktionen. Radio Free Asia erfuhr am 4. Juli von einem Mitarbeiter des Staatlichen Büros für religiöse Angelegenheiten, dass die Aktion nicht auf alle, sondern auf bestimmte Religionen und insbesondere auf den Islam gerichtet sei. Auch in den vergangenen Jahren gab es immer wieder Nachrichten, dass religiöse Stätten in bestimmten Regionen von den Behörden aufgefordert wurden, die Nationalflagge zu hissen, z.B. in Tibet und in verschiedenen Orten in Xinjiang, Zhejiang und Hubei; landesweite Aktionen sind neu (rfa.org 4.07.; sara.gov.cn 4.07.; tianzhujiao.me 21.06.; zytzb.gov.cn 14.06.; vgl. China heute 2016, Nr. 2, Chronik, Juni 2016).
Siehe auch den Eintrag vom 11. Juni 2018 in der Rubrik „Daoismus“.

Religion allgemein

1. April 2018:
South China Morning Post: Erster chinesisch-stämmiger „Apostel“ bei den Mormonen
Die South China Morning Post (SCMP) berichtete, dass die „Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage“, auf Deutsch kurz „die Mormonen“ genannt, mit Hauptsitz in Salt Lake City, Utah, nun in ihren „Rat der Zwölf“ zum ersten Mal zwei Kirchenältere erwählte, die nicht weiß sind. Die zwei sind Ulisses Soares aus Brasilien und Gerrit Gong, ein US-Amerikaner chinesischer Abstammung, seine Großeltern waren aus China in die USA eingewandert.
Über die Hälfte der Mormonen kommen nicht aus den USA und so sprachen sich einige Mormonen positiv darüber aus, dass nun die Kirchenleitung durch eine größere Diversität etwas mehr die ethnische Zusammensetzung seiner Mitglieder weltweit widerspiegle. Laut SCMP wird dies nun auch als Zeichen gesehen, dass unter der Führung des neuen Präsidenten der Mormonen, Russell Nelson, die Kirche sich noch mehr auf Globalisierung fokussieren werde. Russell soll Chinesisch sprechen können und es wird spekuliert, dass die Ernennung von Gong die Entwicklung der Mormonen in China unterstützen soll. Die SCMP beruft sich auf einen Mormonen-Kirchenforscher, Matt Martinich, der die Zahl der Mormonen in Festlandchina auf ca. 10.000 schätzt. Offizielle Zahlen sind nicht vorhanden, da die VR China die Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage nicht als Religion anerkennt.
Gong und Soares dienten vorher in dem „Rat der Siebzig“ – der dem Rat der Zwölf untergeordnet ist –, dessen Mitglieder allerdings noch auf eine begrenzte Zeit erwählt sind. Die Kirchenälteren im Rat der Zwölf sind hingegen auf Lebenszeit erwählt und der am längsten dienende wird der neue Kirchenpräsident. So ist es nun möglich, dass auch ein Nichtweißer eines Tages Kirchenpräsident wird (SCMP 1.04.).

Daoismus

26. April 2018:
Daoistisches Ritual bei der Grundsteinlegung für ein Nuklearprojekt in Gansu Chinesische Akademie der Wissenschaften entschuldigt sich
Das Ritual bei der Grundsteinlegung für den Bau eines Thorium-Versuchsreaktors im Kreis Minqin, Stadt Wuwei, in der Provinz Gansu wurde bekannt, nachdem ein Arbeiter Aufnahmen davon ins Netz hochgeladen hatte. Das besagte Nuklearprojekt wird laut ThePaper.cn (29.04.) in Kooperation zwischen der Chinesischen Akademie der Wissenschaften (CAS) und der Provinz Gansu durchgeführt, der daoistische Priester soll von der beauftragten lokalen Baufirma eingeladen worden sein. Am 30. April entschuldigte sich die CAS auf ihrem Weibo-Mikroblog dafür, dass sie ihren Vertragspartner nicht davon abgehalten habe, „vom Geist der Wissenschaft abzuweichen“ (zur damit zusammenhängenden Debatte siehe den Beitrag in den Informationen dieser Nummer).

11. Juni 2018:
Chinesische daoistische Vereinigung veröffentlicht Appell zum Hissen der Nationalflagge in allen daoistischen Stätten – zur „Sinisierung des Daoismus“
Der Text richtet sich an die daoistischen Vereinigungen der Provinzen, Bezirke und Städte. Alle mit behördlicher Genehmigung geöffneten Stätten für daoistische Aktivitäten werden darin aufgerufen, an einem deutlich sichtbaren Ort der Stätte die Nationalflagge aufzuhängen und dadurch die positive Kraft des Patriotismus zu entfalten. Mit Hilfe der Nationalflaggenhiss-Aktivitäten sollen – so der Text weiter – die daoistischen Stätten Respekt vor der Verfassung und den Gesetzen verbreiten sowie die gläubigen Massen dazu anleiten, an der Sinisierung des Daoismus festzuhalten und sich aktiv an die sozialistische Gesellschaft anzupassen (Wortlaut des Aufrufs mit dem Titel 关于在全国道教活动场所悬挂国旗的倡议 unter www.daoisms.org/article/sort028/info-36507.html).
„Sinisierung“ ist spätestens seit der Rede Xi Jinpings auf der Nationalen Konferenz für Religionsarbeit 2016 eine zentrale Forderung des Parteistaats an alle Religionen, insbesondere an Christentum und Islam.

Buddhismus

April 2018:
Erneuter Plan eines Börsengangs des heiligen buddhistischen Berges Putuoshan wird nach Protest gestoppt
Der Putuoshan liegt unweit von Shanghai auf einer zur Stadt Zhoushan (Provinz Zhejiang) gehörenden Insel und ist einer der vier heiMauer ligen Berge des chinesischen Buddhismus. 2017 besuchten 8 Mio. Menschen den Ort. Die Putuoshan Tourism Development Company, die die touristische Infrastruktur der Insel wie Fähren, Seilbahnen und den Verkauf von Räucherartikeln (nicht die Klöster selbst) betreibt und an der laut einem Bericht von Kai Strittmatter in der Süddeutschen Zeitung (SZ) verschiedene Behörden von Stadt und Provinz beteiligt sind, hatte Anfang April den Gang an die Shanghaier Börse beantragt. Im Wertpapierprospekt waren laut Apple Daily die jährlichen Einnahmen aus dem Putuoshan-Tourismus mit 386 Mio. Yuan beziffert, weitere 612 Mio. sollten laut SZ durch den Börsengang erlöst und in Infrastruktur für den Tourismus wie den Bau von Thermalbädern investiert werden. Erst ein halbes Jahr vorher hatte das Staatliche Büro für religiöse Angelegenheiten zusammen mit weiteren Behörden – darunter das Staatliche Büro für Tourismus und die Chinesische Kommission für Wertpapieraufsicht –„Einige Ansichten zur weiteren Regulierung des Problems der Kommerzialisierung des Buddhismus und des Daoismus“ erlassen, die ausdrücklich verbieten, „Stätten für buddhistische oder daoistische Aktivitäten als Unternehmensaktiva für einen Börsengang [...] zu nutzen“ (siehe Dokumentation).
Auf der Website der offiziellen Chinesischen buddhistischen Vereinigung (CBV) erschien am 11. April ein Beitrag mit dem Titel „Der ‚Börsengang des Putuoshan‘ verletzt die legalen Rechte und Interessen des Buddhismus“. Zwar sei oberflächlich gesehen das eigentliche buddhistische Eigentum, die Tempel selbst, nicht in dem Aktienpaket enthalten, doch sei der Buddhismus die wichtigste Ressource für die Anziehungskraft des Ortes. so der Artikel. Der Börsengang werde unvermeidlich zu einer Vulgarisierung des Buddhismus führen und seinem Ansehen schaden. Falls der Putuoshan erfolgreich an die Börse gehe, werde dies eine Kettenreaktion auslösen, andere buddhistische und daoistische Berge wie der Wutaishan, der Jizushan, der Wudangshan oder der Longhushan würden sicher folgen. Der Autor schrieb, der Börsengang stelle einen klaren Verstoß gegen die neuen staatlichen Bestimmungen dar. Er forderte die zuständigen Behörden auf, „die Sache angemessen lösen“. Im weiteren Verlauf des April stoppte die Putuoshan Tourism Development Company auf Aufforderung der Wertpapieraufsicht ihren Börsengang.
Zwei andere buddhistische Berge, der Emeishan in Sichuan und der Jiuhuashan in Anhui, sind seit 1997 bzw. 2015 börsennotiert. Im Sommer 2012 gab es schon einmal eine Diskussion um einen geplanten Börsengang des Putuoshan (economist.com 26.04.; sueddeutsche.de 23.04.; Beitrag von der Website der CBV nach http://fo.ifeng.com/a/20180411/44945154_0.shtml; s.a. China heute 2012, Nr. 3, Chronik, 3 Juli 2012).

Islam

Frühjahr 2018:
Sinisierung in Ningxia: Vorgehen gegen arabisch-muslimische Architekturelemente
Im Autonomen Gebiet Ningxia gehört rund ein Drittel der Bevölkerung der chinesischsprachigen muslimischen Hui-Nationalität an. Nachdem Global Times bereits im September über das Vorgehen der Behörden gegen „pan-halal-Tendenzen“, u.a. durch Entfernung chinesisch-arabischer Beschilderungen, in Ningxia berichtet hatte, häuften sich in den letzten Monaten Berichte über Entfernung arabischer Stilelemente insbesondere von säkularen Gebäuden, aber teilweise auch von Moscheen in dem autonomen Gebiet. Wenn man heute von der Hauptstadt Yinchuan nach Süden fahre, sei „der Straßenrand nun übersät mit zwiebelförmigen Kuppeln, grün, golden und weiß, frisch entfernt von Marktgebäuden, Hotels und Parks“, heißt es in einem Bericht der South China Morning Post (SCMP) vom 14. Mai. Laut SCMP war viel arabischer Dekor erst in den letzten zehn Jahren angebracht worden, als die Regierung von Ningxia mit der Hui-Kultur Touristen anlocken wollte. Die vielen neuen Moscheebauten im „arabischen“ Stil führte der Bericht nicht zuletzt darauf zurück, dass die meisten alten, im Stil chinesischer Tempel gebauten Moscheen in der Kulturrevolution zerstört worden seien. Neubauten im orientalischen Stil aus Beton seien billiger und geräumiger, sie würden von manchen Muslimen auch als „echter“ angesehen. Imame und regierungsnahe Quellen in Ningxia sagten der SCMP, dass Moscheeneubauten im arabischen Stil künftig nicht mehr erlaubt würden.
Die U.S.-basierte Organisation China Aid brachte am 20. Februar das Foto eines Parteidokuments der Großgemeinde Dazhanchang, der einen achtpunktigen Maßnahmenplan des Kreises Zhongning in Ningxia für religiöse Stätten enthielt. Darin heißt es u.a., „arabische und saudische Gebäude sind zu entfernen, sinisierte Moscheen sind durchzuführen“ und „Minarette im arabischen Stil sind bis Ende März abzureißen“. In Yinchuan wurde laut SCMP wegen Lärmverschmutzung auch der Ruf des Muezzin verboten. Die Maßnahmen lösten bei den Hui in Ningxia die Sorge aus, dass in ihrer Region ähnlich repressive Maßnahmen zum Einsatz kommen könnten wie in Xinjiang (chinaaid.org 20.02.; SCMP 14.05.; UCAN 27.03.).
Im April 2017 war auf einer Konferenz über Moscheebaustile in Xi’an das Problem der „Arabisierung“ im Moscheebau kritisiert worden (vgl. China heute 2017, Nr. 2, Chronik, Islam, 6-7. April 2017).

18. Mai 2018:
Sinisierung des Islam: Chinesische islamische Vereinigung (CIV) startet Aktion „Vier-Hinein“-Moscheen – alle Moscheen sollen Nationalflagge hissen
Mit einer Zeremonie an der Beijinger Dongsi-Moschee und einem schriftlichen Aufruf an alle regionalen Islamischen Vereinigungen und Moscheen startete der offizielle Dachverband der Muslime die Aktion „Vier-Hinein“-Moscheen („四进“清真寺). Dem Aufruf der CIV zufolge sollen folgende vier Dinge in jede Moschee hinein: 1. Die Nationalflagge; 2. Verfassung, Gesetze und Rechtsnormen; 3. die sozialistischen Kernwerte; 4. die vorzügliche traditionelle Kultur Chinas. Die Nationalflagge soll in allen Moscheen, die die Voraussetzung dazu hätten, ganzjährig und deutlich sichtbar gehisst sein. Die Moscheen müssen Verfassung und Gesetze, insbesondere die Vorschriften für religiöse Angelegenheiten, studieren und das Verhältnis von staatlichem und religiösem Recht korrekt handhaben. Sie können auch einen Rechtsanwalt zum Schutz ihrer Rechte engagieren (!). Die sozialistischen Kernwerte müssen im Hof jeder Moschee plakatiert werden, damit die Gläubigen sie lernen; sie sollen durch Koranauslegung und Predigt ausgelegt und verbreitet und können durch wohltätige Dienste praktiziert werden. Moscheen sollen sich für Besucher öffnen, sie können jemanden bestellen, der diesen Patriotismus, Friedensliebe, Toleranz, Achtung der Frau etc. im Islam vorstellt. Die traditionelle chinesische Kultur soll vom Klerus in Form der Klassiker studiert und in den Moscheeunterricht (jingtang jiaoyu, „Bücherhallenerziehung“) aufgenommen werden. Die Werke der chinesischen muslimischen Gelehrten der Vergangenheit (gemeint sind die sog. „islamischen Konfuzianer“, Huiru 回儒) müssen im Moscheeunterricht und bei der Koranauslegung zu Rate gezogen werden. Soweit der Aufruf der CIV.
Bei der Eröffnung der Aktion sagte Wang Zuo’an, bisher Direktor des Staatlichen Büros für religiöse Angelegenheiten und jetzt Vizeminister der Einheitsfrontabteilung der KP, die „Vier Hinein“-Moscheen seien ein konkreter Beitrag zur Sinisierung des Islam. Laut Xinhua fanden ähnliche Eröffnungszeremonien für die „Vier-Hinein“-Moscheen in Gansu, Qinghai, Ningxia und Xinjiang statt – also in den nordwestlichen Provinzen mit hohem muslimischem Bevölkerungsanteil. Im Lauf des Juni weitete sich die Kampagne auf andere Landesteile und Religionen aus (Aufruf der CIV unter www.chinaislam.net.cn/cms/news/jujiaoredian/201805/19-11988.html; AFP 21.05.; chinaislam.net.cn 19.05; Xinhua 18.05.; zytzb.gov.cn 19.06.).

22. Mai und 6. Juni 2018:
Global Times berichtet über Kritik bezüglich Islam an Universitäten
Am 22. Mai berichtete die parteinahe Global Times über angeblich von Studenten der Northwest Minzu University in Lanzhou (Gansu) online erhobene Beschwerden, dass sie in ihren Prüfungsvorbereitungen von muslimischen Kommilitonen gestört würden, die (während des Ramadan) um 3.00 Uhr morgens auf dem Campus beten würden. Ein von Global Times befragter Sprecher der Universität erklärte dazu, die Universität verbiete jegliche religiöse Aktivitäten auf dem Campus, er sagte aber auch, „Studierende, außer Mitgliedern der KP und der Kommunistischen Jugendliga, haben das Recht, ihren Glauben gemäß dem Gesetz an religiösen Stätten außerhalb des Campus zu praktizieren“.
Ein Angestellter der Nanjing Agricultural University bestritt gegenüber Global Times (6. Juni), dass in dem von einem pakistanischen Doktoranden an der Universität erteilten Kurs über islamische Kultur Religion verbreitet worden sei – dies hatte die Marxismusexpertin Xi Wuyi von der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften am 30. Mai auf ihrem Blog moniert. Der Kurs sei vor einem halben Jahr eingestellt worden, weil der Dozent nicht zum Unterricht an chinesischen Hochschulen qualifiziert gewesen sei, so der Angestellte (Global Times 22.05.; 6.06.).

April / Mai / Juni 2018:
Neue Berichte bestätigen dramatisches Ausmaß der Umerziehungslager in Xinjiang
Nach Berichten von Radio Free Asia (RFA), Human Rights Watch u.a. werden seit April 2017 in Xinjiang im Zuge von Maßnahmen zur „De-Extremisierung“ massenhaft Uiguren und Kasachen ohne Gerichtsverfahren in Zentren für „Umerziehung“ (jiaoyu zhuanhua 教育转化) eingewiesen, die „starke religiöse Überzeugungen“ oder „politisch inkorrekte“ Ansichten zeigen (vgl. China heute 2017, Nr. 3, Chronik, Islam, 10. September 2017). Adrian Zenz von der European School for Theology and Culture in Korntal, Experte für chinesische Minderheitenpolitik in Tibet und Xinjiang, belegte im Mai 2018 das große Ausmaß der Umerziehungslager durch eine Studie. Darin wertete er zugängliche öffentliche Quellen aus, wie Online-Projektausschreibungen von Regierungen verschiedener Ebenen in Xinjiang für Bau oder Ausstattung von „Fortbildungszentren für Transformation durch Erziehung“ oder ähnlich genannte Fazilitäten sowie Stellenausschreibungen. Zenz kam zu dem Schluss, dass man konservativ geschätzt von rund 200.000 in Xinjiangs Umerziehungslagern Einsitzenden ausgehen könne; es könnten auch knapp über 1 Mio. sein. Es sei möglich, so Zenz, „dass Xinjiangs gegenwärtiges Umerziehungssystem in Größe und Kapazität das gesamte frühere [2013 abgeschaffte] chinesische System der Umerziehung durch Arbeit übersteigt.“
Die dramatische Zunahme der Umerziehungsmaßnahmen in Xinjiang wird allgemein auf Chen Quanguo zurückgeführt, der im August 2016 Parteisekretär von Xinjiang wurde (Adrian Zenz, Studie vom Mai 2018: www.academia.edu/36638456/_Thoroughly_Reforming_them_Toward_a_Healthy_Heart_Attitude_-_Chinas_Political_Re-Education_Campaign_in_Xinjiang; AP 18.05.; AP nach SCMP 17.05.; AsiaNews 13.04.; Deutsche Welle 20.06., https://p.dw.com/p/2zucA; rfa.org 14.,27.06.; Reuters 18.04.; SCMP 2.04.; Washington Post 16.05.; Xinhua 13.03.).
Siehe den Beitrag in den Informationen.

Christentum allgemein

April 2018:
Dramatische Zunahme des Vorgehens gegen christliche Kirchen in der Provinz Henan – Verbot des Zutritts zu Kirchen für Minderjährige
Aus Henan häufen sich Berichte, dass die Behörden die Teilnahme von Kindern an christlichen Gottesdiensten und am Religionsunterricht verbieten, gegen nicht registrierte Gemeinden vorgehen, Kreuze demontieren u.v.a.m. Betroffen sind protestantische wie katholische Gemeinden und auch die offiziellen Kirchen. Zur Begründung für den plötzlichen Druck, der Anfang Februar einsetzte und sich (zumindest nach katholischen Meldungen) im April noch deutlich verstärkte, verwiesen Berichte darauf, dass Henan die Provinz Chinas mit den meisten protestantischen Christen sei und dass die Hauskirchen dort schnell wachsen. Katholischerseits gehört laut AsiaNews die Kirche dort überwiegend dem Untergrund an. UCAN verwies auf Gerüchte, dass der seit Mitte März amtierende neue Parteisekretär Henans, Wang Guosheng, die Provinz binnen eines Jahres neuausrichten wolle, nachdem sein Vorgänger u.a. wegen der vielen christlichen Kirchen in den Armutskreisen Xihua und Luoxi und der Zunahme der Hauskirchen in Kritik geraten sei. Ying Fuk-tsang von der School of Divinity der Chinese University of Hong Kong wiederum schrieb, nach seiner Beobachtung behördlicher Meldungen aus Henan werde der Crackdown gegen die Christen der Provinz seit zwei Jahren (also etwa seit der Nationalen Konferenz zur Religionsarbeit 2016) vorbereitet. Ying zufolge sieht sich die Partei im „Kampf um die nächste Generation“.
Das Verbot der Gottesdienstteilnahme Minderjähriger ist durch kein bekanntes Gesetz gedeckt (America Magazine 1.05.; china.ucanews.com 19.04.; la-croix.com 4.05.; rfa.org 19.04.; UCAN 18.04.; 10.,11.,24.05.). Vgl. China heute 2017, Nr. 3, Chronik, Christentum, 29. August 2017; 2018, Nr. 1, Chronik, Islam, Januar 2018; Chronik, Katholizismus, Anfang Februar 2018 sowie den Beitrag in den Informationen.

4. April 2018:
Apple Daily: Bibeln verschwinden aus Online-Shops
Nach einem Bericht der Hongkonger Zeitung Apple Daily (Ping Kuo Jih Pao) hat die chinesische Regierung offensichtlich den Verkauf von Bibeln durch Online-Shops gestoppt. Die Bibel sei in vielen Online-Shops wie Taobao, JD.com, Weidian, Dang Dang Wang, Amazon.cn nicht mehr erhältlich, so Apple Daily, auch nicht die von den offiziellen Kirchen gedruckten Versionen.
Die Bibel wird zwar in China gedruckt, konnte aber bislang nicht in kommerziellen, sondern nur in kirchlichen Buchläden bzw. online käuflich erworben werden. Die Aktion steht sicherlich auch im Zusammenhang mit den neuen gesetzlichen Vorschriften zu den Religionen und verschärftem Druck insbesondere auf das Christentum und den Islam (Apple Daily 4.04. nach BBC Monitoring; nytimes.com 5.04.).

7. April 2018:
Einzige „funktionierende“ orthodoxe Kirche Harbins wird nach Renovierung wieder für den Gottesdienst geöffnet
Die Pokrow-Kirche in Harbin war seit 2014 wegen Renovierung geschlossen. Der Eröffnungsgottesdienst mit hundert Gläubigen wurde von Priester Yu Shi gehalten, der 2015 nach dem Studium in Sankt Petersburg mit Erlaubnis des chinesischen Religionsbüros für den Einsatz in China geweiht worden war. „In der Frage der orthodoxen Kirche haben China und Russland keine Prinzipien-Probleme“, zitierte die Global Times Zhang Baichun, Experte für die orthodoxe Kirche an der Beijing Normal University. Es gebe noch einige kleinere Fragen zu lösen, wie die Frage der Priesterweihe, der Entsendung von mehr Theologiestudenten nach Russland sowie von orthodoxen Gottesdiensten in einigen Städten, so Zhang. Die orthodoxe Kirche ist in China bisher nur lokal an einigen Orten staatlich zugelassen (Global Times 11.04.).
Zur Pokrow-Kirche und anderen orthodoxen Kirchen in Harbin siehe den Beitrag von Piotr Adamek in den Historischen Notizen.

Protestantismus

Ende März bis Juni 2018:
China Aid: Meldungen über Regierungsmaßnahmen gegen protestantische Gemeinden in Henan
Wie die in den USA ansässige Organisation China Aid unter Berufung auf Christen vor Ort berichtete, gehen die Behörden in Henan seit 1. Februar gegen Hauskirchen vor, bis 19. März 2018 seien 100 Hauskirchen in der Stadt Nanyang geschlossen worden. Am 26. Mai meldete China Aid, dass an Hauskirchen in Henan und Anhui Formulare zur Registrierung als religiöse Stätten verteilt würden. Anfang Juni berichtete die Organisation, dass die Kreisregierung von Ningling die Abnahme aller Kirchenkreuze angeordnet habe. Die Zerstörung christlicher Dekorationen, wie Fliesen mit der Aufschrift „Emanuel“ an der Außenseite von Häusern, wurde gemeldet, ein Christ schrieb, auch in den Häusern würden Beamte nun christliche Bilder abreißen, so das im Schlafzimmer seiner Mutter. Im Kreis Lushan versammelte die Religionsbehörde 700 Prediger der registrierten „Drei-Selbst-Kirchen“ und forderte sie auf, die „Vorschriften für religiöse Angelegenheiten“ zu studieren, den Prozentsatz der Kirchen mit gehisster Nationalflagge von 95% auf 100% zu erhöhen und den Kirchbesuch von Kindern unter 18 Jahren zu verbieten, so China Aid Mitte April; auch hätten die lokalen Religionsbehörden in den Dörfern spezielle Teams mit der Überwachung der religiösen Aktivitäten beauftragt und die Dorfkader seien nun verantwortlich für die Verwaltung derselben. Sonntagsschulen in den offiziellen Kirchen seien von den Behörden eingestellt worden, so ein weiterer Zeuge. Es wurde laut China Aid auch von Fällen berichtet, dass Behörden unter Androhung von Konsequenzen Christen zur Aufgabe ihres Glaubens zu bewegen versuchten, wie z.B. dass Sozialhilfe für die Sicherung des Existenzminimums oder Rente gestrichen, Kinder nicht mehr in die Schule gelassen, Beamte aus ihrer Stelle entlassen oder Familienbetriebe beeinträchtigt würden (chinaaid.org 26.03.; 10.,11.,18.,30.04.; 26.05.; 3.06.).

27./28. März 2018:
„Abriss des Fünfjahresarbeitsplans zum Vorantreiben der Sinisierung des protestantischen Christentums in China (2018–2022)“ wird veröffentlicht
Das umfangreiche, vom Nationalen Komitee der Drei-Selbst-Bewegung der protestantischen Kirchen in China und vom Chinesischen Christenrat unterzeichnete Dokument ist auf Dezember 2017 datiert. Am 27./28. März hielten diese zwei protestantischen Leitungsgremien in Nanjing eine Startzeremonie für den „Fünfjahresarbeitsplan“ ab. Anwesend waren auch Vertreter des Staatlichen Religionsbüros und der Einheitsfrontabteilung der KPCh.
Von der internationalen Berichtserstattung über den Fünfjahresarbeitsplan wurden besonders die Passagen beachtet, die sich auf die Bibel beziehen. So findet sich in Kapitel 2 unter den „Hauptaufgaben“: „Aus der Bibel die Inhalte hervorgraben, die mit den sozialistischen Kernwerten in Einklang stehen, und mit vereinten Kräften einen leicht verständlichen Reader erstellen [...]“, sowie: „Es müssen bewusst Bibelwissenschaftler herangebildet werden, um eine solide Basis dafür zu legen, dass eine Neuübersetzung der Bibel oder die Kompilierung [neuer] Bibelkommentare in Angriff genommen werden kann.“ Als Aufgabe für das Jahr 2019 sieht der Plan u.a. vor, das Jubiläum 100 Jahre Union Version der chinesischen Bibel „mit einer Sinisierung der Bibelexegese [zu] verbinden. Die Kompilierung eines von chinesischen Christen geschriebenen Bibelkommentars in Angriff nehmen, um dem Vorantreiben der Sinisierung des Christentums eine theologische Stütze zu bieten.“ Die Rolle von christlicher Musik und Kunst wird ebenfalls hervorgehoben. Der Fünfjahresarbeitsplan enthält auch rein politische Vorhaben, z.B. für 2021 die Feier des 100. Gründungstags der KP Chinas (Text des 推进我国基督教中国化五年工作规划纲要 [2018–2022] unter www.ccctspm.org/newsinfo/10284, englische Übersetzung unter www.ucanews.com/news/protestant-five-year-plan-for-chinese-christianity/82107).

10.–11. Mai 2018:
Chinesisch-deutsche interreligiöse Konsultation in Shanghai
Am 10. und 11. Mai lud der Chinesische Christenrat (Chinese Christian Council, CCC) zu einer chinesisch-deutschen interreligiösen Konsultation zum Thema „Unterschiedliche Religionen – gemeinsame Zukunft“ nach Shanghai ein. Eine 15-köpfige Delegation aus Deutschland, bestehend aus Repräsentanten von evangelischer und katholischer Kirche, dem Islamverband DITIB, zudem aus Politik und Wissenschaft, bildete den deutschen Teil der Konsultation. Er wurde lokal ergänzt durch Mitarbeitende des Konsulats und Leitende der deutschsprachigen Gemeinden in Shanghai und Beijing. Von chinesischer Seite waren Vertreter aller fünf offiziell anerkannten Religionen dabei, sowie Beamte der Religionsbehörde, der Shanghaier Stadtverwaltung, der Wissenschaft und der Amity Foundation, insgesamt 23 Personen. Alle Rede- und Diskussionsbeiträge wurden vom Team für Auslandskontakte des CCC simultan übersetzt. Nach der eigentlichen Konsultation waren die deutschen Delegierten von Amity Foundation in Nanjing und von der Religionsbehörde in Beijing zu einem umfangreichen Rahmenprogramm eingeladen, das am 15. Mai endete.
Die Veranstaltung war eine Fortführung der Deutsch-chinesischen interreligiösen Konsultation in Hamburg und Berlin vom 8.–11. Mai 2016; vgl. China heute 2016, Nr. 2, Chronik, 8-11. Mai 2016).
Isabel Hess-Friemann

4. Juni 2018:
Tod des evangelischen Theologen Chen Zemin
Im Alter von 101 Jahren verstarb der langjährige Studienleiter des Vereinigten Theologischen Jinling-Seminars in Nanjing (Nanjing Union Theological Seminary, NJUTS) und enge Weggefährte Bischof K.H. Tings. Professor Chen strebte eine einheimische chinesische Theologie an. Die meisten der heute führenden Personen in den kirchlichen Strukturen und Ausbildungsstätten des Chinesischen Christenrats sind durch seine Schule gegangen (siehe den Nachruf in den Informationen).

11. Juni 2018:
AsiaNews: Neue Welle von Verhaftungen und Abschiebungen koreanischer Missionare
AsiaNews berichtet, dass in Wenzhou erneut zwei südkoreanische protestantische Missionare verhaftet wurden, die dort als „Untergrund-Pastöre“ in einer Kirche tätig waren, die nicht zur „Drei-Selbst-Bewegung“ gehört. Die Kirchenräume seien von der Polizei durchsucht und für eine Woche geschlossen wurden. Im vergangenen Monat allein wurden laut AsiaNews 30 koreanische Missionare im Autonomen Gebiet Ningxia und den Provinzen Shanxi, Hebei und Henan verhaftet und vor Gericht gebracht. Die Webseite von Christian Today gibt die Zahl der derzeit in Festlandchina arbeitenden koreanischen Missionare mit über 4.000 an. Seit April, so schreibt AsiaNews, hat die Regierungsbehörde für Religiöse Angelegenheiten die Kontrollen von ausländischen Gläubigen intensiviert, mit einer klaren Fokussierung auf Missionare aus Südkorea. Pastor Eric Foley von Voice of the Martyrs Korea wird von AsiaNews zitiert, dass sich in den vergangenen 18 Monaten die Razzien von koreanisch-missionarischen Aktivitäten stark vermehrt hätten. Zwischen 2013 und 2017 seien ca. 1.000 Missionare des Landes verwiesen worden und es würden wahrscheinlich noch viel mehr werden, wenn die seit 1. Februar geltenden neuen Vorschriften voll umgesetzt werden (AsiaNews 11.06.).

Katholische Kirche

19. März 2018:
Innere Mongolei: Untergrundpriester muss Gemeinde verlassen und als Bauer arbeiten
Untergrundpriester Ding Zhanmin, Pfarrer in Beishaliang in der Diözese Hohhot in der Inneren Mongolei, wurde – wie AsiaNews berichtete – am 19. März von Beamten des Religionsbüros des Bezirks Baotou gezwungen, seine Gemeinde zu verlassen, und nach Xilin Gol (ebenfalls Innere Mongolei) eskortiert, wo er als Bauer arbeiten soll. Vertreter der Einheitsfront hatten mittels Drohungen und Bestechungsgeldern wiederholt erfolglos versucht, Priester Ding zum Eintritt in die Patriotische Vereinigung zu bewegen. Die Gemeinde von Priester Ding sollte anschließend von der offiziellen Kirche übernommen werden. Nach Aussagen von Zeugen im Umfeld des Priesters – so AsiaNews – würden die Untergrundpriester dazu gedrängt, der Patriotischen Vereinigung beizutreten; dabei werde betont, dass „selbst der Heilige Stuhl Kompromisse eingegangen“ sei. AsiaNews führt aus: „Seit der sogenannte Dialog zwischen China und dem Heiligen Stuhl auf den Weg gebracht wurde, hat sich tatsächlich das Gerücht verbreitet, dass die Mitgliedschaft in der Patriotischen Vereinigung kein Problem mehr darstellt.“ Viele Priester der Untergrundkirche hätten den Heiligen Stuhl um Klärung gebeten, aber keine Antwort erhalten. Priester Ding war bereits einmal im Januar 2012 zusammen mit weiteren vier Priestern verhaftet worden (AsiaNews 26.03.).

25. März 2018:
Chinesische Katholiken spenden für Katastrophenhilfe
Nachdem am Palmsonntag 2017 bei dem ersten landesweiten Spendentag von den chinesischen Katholiken in 21 Diözesen insgesamt 157.000 Euro für die Katastrophenhilfe gespendet worden waren, wurde die von Jinde Charities unterstützte Aktion an diesem Palmsonntag, dem 25. März, erneut durchgeführt. Die im vergangenen Jahr gesammelten Gelder wurden von Jinde für Material, Gesundheitsfürsorge, psychologische Unterstützung und Wiederaufbau in den Regionen Hunan, Jilin, Guizhou und Hualien (Taiwan) eingesetzt (Fides 6.04.; vgl. China heute 2017, Nr. 1, Chronik, Katholische Kirche, 18. / 29. Marz 2017).

26. März 2018:
Bischof Vincent Guo Xijin von Mindong kurzzeitig von Behörden „weggebracht“
Am Montag der Karwoche wurde der „Untergrund“-Bischof mit seinem Sekretär nach einem Gespräch mit dem lokalen Religionsbüro zu Hause abgeholt, er konnte einen Tag später oder jedenfalls vor Ostern in die Diözese zurückkehren. Laut einer von UCAN zitierten lokalen Quelle wollten die Behörden verhindern, dass Bischof Guo mit der Priesterschaft der Diözese am Gründonnerstag die Chrisam-Messe feiert, weil dies seine Autorität als Bischof zum Ausdruck gebracht hätte. An Ostern 2017 war Bischof Guo zwanzig Tage lang verschleppt. Im Januar hatte es nicht offiziell bestätigte Meldungen gegeben, dass der Vatikan Bischof Guo gebeten habe, als Ortsbischof zurückzutreten, damit der kirchlich illegitime Bischof von Mindong, Zhan Silu, vom Papst anerkannt werden könne (vgl. China heute 2018, Nr. 1, Informationen, Chronik, Sino-vatikanische Beziehungen, 22. Januar 2018) (AsiaNews 27.03.; nytimes.com 3.04.; UCAN 28.03.).

Ab 1. April 2018:
In der Provinz Henan stoppen Behörden an zahlreichen Orten den Kirchbesuch von Minderjährigen – Druck von Schulen
Nach einer von AsiaNews am 20. April veröffentlichten Liste (s.u.) holte in der Diözese Zhengzhou Regierungspersonal am 1. April – Ostersonntag – während der Messe die Kinder aus der Kirche und bewacht seither jeden Sonntag die Kirchentüren, um Kindern den Zutritt zu verwehren. An der Kirche von Qixian in der Diözese Kaifeng und der Kathedrale von Anyang wurden Plakate mit der Aufschrift „Zutritt für Minderjährige verboten“ angebracht, auch dort kontrolliert Polizei jeden Sonntag die Kirchentüren. In der Diözese Anyang wurde ferner ein katholischer Kindergarten geschlossen und Eltern wurden aufgefordert, ihren Glauben in der Schule ihrer Kinder zu registrieren. In einer Kirche der Diözese Xinxiang wurden 18. April Kinderbibeln konfisziert – heißt es in der Liste.
Laut UCAN verschickten zwei Grundschulen in Linzhou und in Xingyang, Provinz Henan, am 11. und 12. April einen „offenen Brief an alle Eltern von Grund- und Mittelschülern der Stadt“. Darin hieß es mit Verweis auf das Prinzip der Trennung von Erziehung und Religion, Religion dürfe sich nicht in die Erziehung der Bürger und die öffentliche Erziehung einmischen; wenn Organisationen oder Einzelpersonen Minderjährige anleiten, unterstützen oder ihnen erlauben, an eine Religion zu glauben oder an religiösen Aktivitäten teilzunehmen, seien dies gesetzwidrige Handlungen (AsiaNews 20.04.; china.ucanews.com 17.04.; rfa.org 19.04.; UCAN 18.,20.04.).

8. April 2018:
Bekanntmachung der offiziellen katholischen Leitungsgremien der Provinz Henan verbietet Religionsunterricht und Kirchbesuch für Minderjährige – „rote Linie“, die ernst genommen werden muss
Die offiziellen katholischen Leitungsgremien – Patriotische Vereinigung [PV] und Kommission für kirchliche Angelegenheiten – der Provinz Henan gaben bekannt, dass in der ganzen Provinz jegliche Form von Religionsunterricht für Minderjährige verboten sei und Gläubige ihre Kinder nicht zum Gottesdienst in die Kirche mitnehmen dürften. Dabei verwiesen sie auf eine Forderung der Provinzregierung vom 3. April zur Trennung von Erziehung und Religion. In der Vergangenheit sei es in diesen Fragen hauptsächlich um „Propaganda und Erziehung“ gegangen, jetzt aber seien sie eine „rote Linie“ und müssten unbedingt ernst genommen werden, sonst werde die betreffende Stätte geschlossen und der Status des religiösen Amtsträgers annulliert – heißt es in dem Rundschreiben vom 8. April, das sich an die untergeordneten katholischen Leitungsgremien von Henan richtet (siehe Wortlaut in der Dokumentation). Radio Free Asia befragte Priester Wang Yuesheng, den Vorsitzenden der PV von Henan; dieser verwies erst auf das Prinzip der Trennung von Erziehung und Religion, sagte dann aber auf Nachfrage, sie hätten sich in dieser Sache bereits mit der Zentralregierung in Verbindung gesetzt und „wir werden den Kampf um unsere Rechte nicht aufgeben“, die Sache habe zwei Seiten (AsiaNews 17.04.; rfa.org/cantonese 19.04.).

20. April 2018:
AsiaNews veröffentlicht Appell mit Liste von Übergriffen auf die katholische Kirche in Henan
Der Aufruf mit Bitte um Gebet für die katholische Kirche in Henan, der auch in den katholischen chinesischen Netzwerken verbreitet wurde, listete Übergriffe der Behörden auf Kirchen in 7 der 10 Diözesen der Provinz auf, über die auch UCAN berichtete. Neben dem Verbot des Kirchbesuchs Minderjähriger (s.o. Eintrag vom 1. April 2018) wurden in dieser Liste u.a. folgende Vorfälle aufgeführt: Am 17. April wurde im Dorf Hutuo, Stadt Gongyi in der Diözese Luoyang eine Kirche, in der ein Untergrundpriester residierte, abgerissen, der Priester vertrieben und das in Hutuo befindliche Grab des Bischofs von Luoyang im Untergrund, Li Hongye (1920–2011), zerstört. Mehrere Kreuze in der Provinz wurden zwangsentfernt. In der Diözese Puyang wurde eine Kirche zerstört, Beamte im Kreis Qingfeng zwangen Gemeindevorsteher, Namen und persönliche Daten der Gemeindemitglieder zu melden. In der Diözese Shangqiu gingen Behördenvertreter von Haus zu Haus und verkündeten, man dürfe jetzt nicht mehr an eine Religion glauben, wer an eine Religion glaube, dessen Kinder dürften nicht zur Schule gehen, den Alten würde die Beihilfe gekürzt, und wer dann immer noch nicht gehorche, verliere Amt und Arbeit – hieß es in der Liste.
Am 24. April wurde in der Diözese Zhumadian (der achten Diözese Henans, aus der Übergriffe gemeldet wurden) die nicht registrierte katholische Kirche von Gadazhang, deren Pfarrer offiziell registriert ist, von den Behörden versiegelt. Laut AsiaNews existiert die katholische Kirche in Henan v.a. im Untergrund, es gibt in der Provinz nur einen von der Regierung anerkannten Bischof, Bischof Zhang Yinlin von Anyang, mehrere Bischofssitze sind vakant (AsiaNews 20.04.; china.ucanews.com 17.,18.,19.04.; UCAN 18.,20.,25.04.).

Mai 2018:
Statue von chinesischem Heiligen demontiert
Kurz nachdem in einer feierlichen Zeremonie unter Anteilnahme von 35 Priestern und zahlreichen Gläubigen am 3. Mai 2018 bei der Dongdongtou-Kirche in der Pfarrei Yongnian, Diözese Handan (Provinz Hebei), die Statue des Heiligen Johannes Wu Wenyin aufgestellt worden war, musste diese wieder entfernt werden. Wu Wenyin wurde 1850 im Dorf Dongdongtou geboren und war Katechist in der Gemeinde. Er wurde während des Boxeraufstandes 1900 gefoltert und hingerichtet. Am 1. Oktober 2000 sprach ihn Papst Johannes Paul II. in Rom heilig. Er ist der einzige Heilige der Diözese Handan.
Nach einer UCAN bekannten Quelle hätten die Behörden die Kirche dazu gedrängt, die Statue wieder abzubauen, nachdem die Aufstellung einen Aufruhr im Internet erzeugt habe. Dies wird als weiterer Schritt in Richtung zunehmender Repressalien gewertet (Fides 17.05.; UCAN 24.05.).

15. Mai 2018:
Größte Kathedrale in Nordchina eingeweiht
In Chengde in der Provinz Hebei wurde für 11 Mio. US$ (70 Mio. Yuan) ein Komplex mit Kathedrale, Schwesternkonvent und Bischofsresidenz für Bischof Guo Jincai errichtet. Bischof Guo ist bislang nicht von Rom anerkannt, zählt aber zu den sieben Bischöfen, die nach Abschluss eines sino-vatikanischen Abkommens legitimiert werden sollen. Der Großteil der Kosten des 15.000 qm umfassenden Komplexes wurde mit Geldern der katholischen patriotischen Vereinigung der Provinz Hebei sowie der katholischen Administrativkommission von Hebei beglichen. Die Provinz Hebei zählt 1 Mio. Katholiken, die Diözese Chengde 30.000, die meisten davon sind Bauern.
Bischof Guo stand der Einweihungsmesse am 15. Mai vor, bei der zehn Bischöfe konzelebrierten: neben Bischof Guo waren dies der ebenfalls von Rom nicht anerkannte Bischof Ma Yinglin (Vorsitzender der Bischofskonferenz) sowie die anerkannten Bischöfe Fang Xingyao, Shen Bin, Meng Qinglu, Fang Jianping, Li Shan, Pei Junmin und Yang Yongqiang (alle Vizevorsitzende der Patriotischen Vereinigung oder/und der Bischofskonferenz) sowie Bischof Sun Jigen von Handan. Über 800 Gläubige sowie Regierungsvertreter nahmen an der Zeremonie teil.
Nach der Messe fand ein Symposium statt, bei dem Regierungsbeamte – laut UCAN – die Hoffnung ausdrückten, die Diözese Chengde unter der Führung von Bischof Guo möge weiterhin die Fahne der „Liebe zum Land und zur Kirche“ hochhalten und sich an das Prinzip der Unabhängigkeit halten sowie die Sinisierung vorantreiben. Bischof Guo sprach davon, dass der neue Komplex die Fürsorge und Unterstützung von Partei und Regierung für patriotische religiöse Gemeinschaften und Personen widerspiegelten. Er beteuerte, dass er den Richtlinien von Präsident Xi Jinpings sozialistischer Ideologie in der neuen Ära folgen werde (UCAN 25.05.).

16./17. Mai 2018:
„Fünfjahres-Entwicklungsabriss zur Sinisierung des Katholizismus“ von Chinesischer katholischer patriotischer Vereinigung und Bischofskonferenz verabschiedet
Ein „Fünfjahres-Entwicklungsabriss zur Sinisierung des Katholizismus“ (天主教中国化五年发展纲要) wurde auf der 4. Gemeinsamen Versammlung der Verantwortlichen der 9. Amtsperiode der Chinesischen katholischen „Eine Vereinigung Eine Konferenz“ nach Diskussion per Akklamation angenommen. Es handelte sich offenbar schon um eine revidierte Fassung, denn Änderungen wurden erläutert. Über den Inhalt des Dokuments wurde weiter nichts bekannt (chinacatholic.cn 22.05.).

5. Juni 2018:
Behörden zerstören Kreuzweg in der Diözese Anyang, Provinz Henan
Die 14 Kreuzwegstationen aus Schiefer mit Darstellungen der Leiden Jesu im chinesischen Stil wurden mit Baggern u.a. schwerem Gerät von den Behörden zwangsentfernt. Der Kreuzweg führte zur Pilgerstätte Unsere Liebe Frau vom Karmel, laut UCAN der einzigen katholischen Wallfahrtsstätte in der Provinz. Die Wallfahrtskirche im Dorf Tianjiajing, Linzhou, war 1903–1905 auf Anordnung des damaligen Apostolischen Vikars von Nord-Henan, Stefano Scarsella PIME, zum Dank für die Bewahrung vor den Gefahren des Boxeraufstands von 1900 errichtet worden. Die Kirche wurde von den Japanern im 2. Weltkrieg sowie während der Kulturrevolution schwer beschädigt. Später pilgerten wieder viele Katholiken zu der Stätte, laut UCAN sollen es am 16. Juli 1986 rund 10.000 Pilger aus 3 Provinzen gewesen sein, woraufhin die Regierung von Henan 1987 die Wallfahrtsstätte als illegal erklärt und nur noch wenige Pilger zugelassen habe (AsiaNews 9.06.; UCAN 8.06.).

12./13. Juni 2018:
Chinesische katholische patriotische Vereinigung und Bischofskonferenz halten Sitzung zu theologischen Seminaren
Die Sitzung zur „Seminararbeit“ in Chengdu hatte zum Ziel, den „Kurs einer Lehre der unabhängigen, autonomen und selbstverwalteten Kirche“ an den Seminaren zu verstärken – heißt es in dem Bericht auf der Website der beiden Gremien. Als erstes stand ein Erfahrungsaustausch über die politische Erziehung an den Priesterseminaren auf der Tagesordnung. Anschließend befasste man sich (angesichts zurückgehender Berufungen) erstmals mit „Berufungsforschung“. Neben führenden Vertretern des offiziellen katholischen Doppelgremiums nahmen Verantwortliche von 9 katholischen theologischen Seminaren (Orte wurden nicht genannt) sowie Vertreter des Staatlichen Religionsbüros sowie der Einheitsfrontabteilung des ZK an der Sitzung teil (chinacatholic.cn 20.06.)

15. Juni 2018:
Bischof Josef Li Mingshu von Qingdao verstorben
Der Bischof der Diözese Qingdao in der Provinz Shandong starb im Alter von 93 Jahren. Er wurde am 13. August 2000 mit Zustimmung des Vatikans sowie der chinesischen Regierung zum dortigen Bischof geweiht. Die Diözese Qingdao war früheres Missionsgebiet der Steyler Missionare. Heute zählt die Diözese 12 Priester und eine Ordensgemeinschaft mit 12 Schwestern. Die Nachfolge von Bischof Li ist noch nicht geregelt (siehe den Nachruf in den Informationen).

Sino-vatikanische Beziehungen

22.–23. März 2018:
Symposium „Christianity in the Chinese Society: Impact, Interaction and Inculturation“ an der Päpstlichen Gregoriana
Religionswissenschaftler aus staatlichen Akademien und Universitäten der Volksrepublik China, westliche Sinologen sowie Theologen der Päpstlichen Universität Gregoriana und des Holy Spirit Seminary in Hongkong hielten Vorträge. Bischof Yang Xiaoting von Yulin, ein Vizevorsitzender der offiziellen chinesischen Bischofskonferenz, thematisierte laut UCAN die Vorbildfunktion der katholischen Kirche in der chinesischen Gesellschaft durch ihre sozialen Dienste, dies sei eine wichtige Form der Adaption. Kardinal John Tong (Hongkong) sprach in seiner Willkommensrede über die Unverzichtbarkeit des Dialogs. Unter den Teilnehmern waren auch Erzbischof Paul Richard Gallagher, Sekretär des Heiligen Stuhls für die Beziehungen mit den Staaten (er hielt eine Rede), und Erzbischof Claudio Maria Celli, der Berichten zufolge zumindest die letzte Vatikandelegation nach Beijing geleitet haben soll. Mitveranstalter war laut Programm die Yuan Dao Study Society aus Hongkong, die in den letzten Jahren katholischerseits solche Konferenzen zwischen katholischen und chinesischen Wissenschaftlern und chinesischen Religionspolitikvertretern bereits in Hongkong und Beijing mitorganisiert hat. In dieser Zusammensetzung und an diesem Ort war das Symposium sicher etwas Neues. Es wurde, so America Magazine, „von Beobachtern als klares Zeichen der Verbesserung der sino-vatikanischen Beziehungen gesehen“ (America Magazine 28.03.; Hong Kong Sunday Examiner 14.04.; UCAN 28.04.; Vatican Insider 22.03.; Plakat und Programm der Konferenz).

Ende März:
Medien spekulieren über „Karwochen-Deal“ zwischen China und dem Vatikan
Die Spekulationen gingen zum einen auf einen Blogbeitrag von Kardinal Joseph Zen (Hongkong) zurück, der am 15. März geschrieben hatte, er werde erst aufgeben, wenn „die unglückliche Unterzeichnung passiert, was Gerüchten zufolge am 23. oder 27. März sein wird“. Auf der anderen Seite zitierte die chinesische parteinahe Global Times am 28. März Bischof Guo Jincai mit den Worten, ein Abkommen könnte schon Ende dieses Monats unterzeichnet werden, die Verhandlungen hätten das „Endstadium“ erreicht und der Zeitpunkt hänge von „technischen Fragen“ ab. Guo ist Generalsekretär der offiziellen chinesischen Bischofskonferenz und einer der sieben vom Papst nicht anerkannten Bischöfe. Global Times schrieb aber auch, dass Wang Meixiu von der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften Guos Optimismus nicht teile, zum einen wegen Klärungsbedarf in der Frage der illegitimen Bischöfe, zum anderen da, so Wang, „rechtliche und politische Änderungen in China auch in die Überlegungen einbezogen werden müssen“. Die Zeitung verwies dabei auf die neuen „Vorschriften für religiöse Angelegenheiten“ und die Übernahme der Aufgaben des Staatlichen Büros für religiöse Angelegenheiten durch die Einheitsfrontabteilung der Partei. Am 28. März sagte Lu Kang, Sprecher des chinesischen Außenministeriums, China sei bereit, dem Vatikan auf halbem Weg entgegenzukommen, um einen konstruktiven Dialog zu fördern (CNN 1.04.; globaltimes.cn 28.03.; UCAN 21.03.; 4.04.).

29. März 2018:
Pressesprecher des Heiligen Stuhls dementiert, dass der Vatikan kurz vor der Unterzeichnung eines Abkommens mit Beijing steht
Vatican News meldete dies und schrieb: „In Antwort auf Fragen von Journalisten am [Grün-]Donnerstag sagte Greg Burke, es gebe kein ‚unmittelbar bevorstehendes‘ Abkommen zwischen dem Heiligen Stuhl und der Volksrepublik China. Er fügte hinzu, dass Papst Franziskus in ‚ständigem Kontakt‘ mit seinen Beratern über die Situation der Kirche in China bleibe und den Fortschritt verfolge, der im Dialog zwischen den beiden Seiten stattfindet“ (Vatican News 29.03.).

3. April 2018:
Sino-vatikanische Beziehungen auf der Pressekonferenz über das Weißbuch des Staatsrats zur Glaubensfreiheit
Auf der internationalen Pressekonferenz wurden viele Fragen zu den Verhandlungen zwischen Beijing und dem Vatikan gestellt. Chen Zongrong und Xiao Hong als Vertreter des bisherigen Staatlichen Büros für religiöse Angelegenheiten beschränkten sich zunächst auf die Linie, dass es einen effektiven Kanal für den Dialog gebe und dass China bereit sei, durch konstruktiven Dialog die Beziehungen zu verbessern. Als ein Journalist von Lianhe Zaobao (Singapur) sagte, einige Katholiken fühlten sich in ihrer Religionsfreiheit eingeschränkt, weil die Regierung dem Papst nicht erlaube, in China Bischöfe zu ernennen, erklärte Chen, Chinas Verfassung mache dazu klare Vorgaben. „Chinas religiöse Organisationen und Angelegenheiten unterstehen keiner ausländischen Kraft. Das bedeutet, dass ausländische Organe sich in keiner Weise in die religiösen Angelegenheiten Chinas einmischen dürfen“, sagte Chen. Er könne dem nicht zustimmen, dass es die Freiheit des religiösen Glaubens einschränke, „wenn wir nicht zulassen, dass Rom das Recht auf Ernennung der Bischöfe vollständig kontrolliert“ (english.scio.gov.cn 3.04.).

30. April 2018:
Weniger optimistische Töne von Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin im Interview mit Vatican Insider
Im Dialog mit der chinesischen Regierung gebe es Erfolge und Rückschläge; es sei wichtig weiterzumachen, so Parolin. „Wenn die Regierung nicht kommunistisch wäre und Religionsfreiheit respektieren würde, bestünde keine Notwendigkeit zu verhandeln. Denn dann hätten wir schon, was wir uns wünschen“, sagte Parolin. Das Ziel seien „Freiräume für die Kirche, so dass sie ein normales Leben führen kann, das auch in Einheit mit dem Papst ist“. Es sei fundamental, dass „die offizielle Gemeinschaft [der Kirche in China], die der Kontrolle der Regierung unterworfen ist, und die sogenannte Untergrund-Gemeinschaft – die heute jeweils ihre eigenen Wege gehen – vereint sind“. Wir hoffen, ein Abkommen über die Bischofsernennungen zu erreichen, so Parolin. „Und wir hoffen, dass das Abkommen dann respektiert wird. Wir haben den Willen, das zu tun, und wir hoffen, dass die chinesische Regierung auch diesen gleichen Willen hat“ (www.lastampa.it/2018/04/30/vaticaninsider/parolin-a-great-sign-of-hope-for-korea-vuqyEwvhuYvkuoVZRUq6JN/pagina.html).

24. Mai 2018:
Gebetstag für die Kirche in China – Aufruf des Papstes und Pilgerzahlen aus Shanghai
Am 23. Mai sagte Papst Franziskus am Ende der Generalaudienz auf dem Petersplatz: „Morgen, am 24. Mai, wird das jährliche Fest der heiligen Jungfrau Maria ‚Hilfe der Christen‘ gefeiert. Sie wird besonders im Schrein von Sheshan in Shanghai, China, verehrt. Dieser Anlass lädt uns ein, uns spirituell mit allen katholischen Gläubigen zu vereinen, die in China leben. Lasst uns für sie zu Unserer Lieben Frau beten, dass sie den Glauben mit Großzügigkeit und Frieden leben und dass sie imstande sind, praktische Gesten der Brüderlichkeit, Harmonie und Versöhnung zu vollführen, in voller Gemeinschaft mit dem Nachfolger Petri. Geliebte Jünger des Herrn in China, die Weltkirche betet mit euch und für euch, so dass ihr trotz Schwierigkeiten euch weiter Gottes Willen anvertrauen möget. Die Muttergottes wird es euch nie an ihrer Hilfe fehlen lassen und euch mit ihrer mütterlichen Liebe schützen.“
Über 17.400 Pilger vorangemeldeter Pilgergruppen waren laut einer Übersicht auf der Website der Diözese Shanghai für die Wallfahrt zur Marienbasilika auf dem Berg Sheshan zwischen 29. April und 31. Mai angemeldet, die eigene Diözesanwallfahrt am 15. Mai nicht mitgezählt. Die angemeldeten Pilgergruppen kamen fast ausschließlich aus Shanghai und den benachbarten Provinzen Jiangsu und Zhejiang – überregionale Wallfahrten werden von den Behörden häufig unterbunden. Im Vorjahr waren 19.300 Pilger gekommen, darunter deutlich mehr Pilgergruppen aus weiter entfernten Provinzen (w2.vatican.va/content/francesco/en/audiences/2018/documents/papa-francesco_20180523_udienza-generale.html; catholicsh.org 24.05.; vgl. China heute 2017, Nr. 2, Chronik, Sino-vatikanische Beziehungen, 21. Mai / 24. Mai 2017).

ca. 1. Junihälfte 2018:
Neue Runde der sino-vatikanischen Gespräche in Rom – Vatikan soll auch Sorgen über Verschärfung der chinesischen Religionspolitik geäußert haben
Laut einer Reuters-Meldung des Journalisten Philip Pullella (der im Juni auch Papst Franziskus interviewte) sagten „vatikanische und diplomatische Quellen“ am 15. Juni, dass die vatikanische und die chinesische Delegation sich „in den letzten Tagen“ in Rom getroffen hätten, um über die Frage der Bischofsernennungen zu sprechen. Dabei habe der Vatikan auch seine Sorge über die Verschärfung der Einschränkungen der religiösen Praxis geäußert, darunter die, dass „unbegleiteten Minderjährigen“ (sic) in manchen Regionen der Zutritt zu Kirchen verboten werde.
Dies ist das erste Mal, dass der Vatikan durchsickern ließ, dass er in internen Gesprächen mit Beijing Probleme der Religionsfreiheit in China angesprochen habe. Das letzte Treffen der beiden Delegationen fand im Dezember 2017 in China statt (Reuters 15.06.).

20. Juni 2018:
AsiaNews veröffentlicht Passagen aus dem Reuters-Interview mit Papst Franziskus
„Dialog ist ein Risiko, aber ich ziehe das Risiko der sicheren Niederlage des Nicht-Miteinander-Redens vor“

AsiaNews veröffentlichte den China betreffenden Auszug aus der Aufzeichnung des von Philip Pullella gehaltenen Interviews mit Papst Franziskus, das demnach zwei Tage zuvor gehalten worden war und von Reuters nicht in dieser Form publiziert wurde. Wir zitieren hier in eigener Übersetzung aus AsiaNews:
F. Wie ist die Annäherung an China?
A. Wir sind an einem guten Punkt, aber Beziehungen mit China verlaufen auf drei verschiedenen Wegen. Zunächst gibt es den offiziellen Weg, die chinesische Delegation kommt hierher, es gibt ein Treffen, und dann geht die vatikanische Delegation nach China. Die Beziehungen sind gut und es ist uns gelungen, gute Dinge zu tun. Das ist der offizielle Dialog.
Dann gibt es einen zweiten Dialog aller mit allen. ‚Ich bin der Cousin des Ministers soundso, der mir aufgetragen hat zu sagen, dass ...‘, und es gibt immer eine Antwort. ‚Ja, gut, gehen wir vorwärts.‘ Diese Seitenkanäle sind offen, sagen wir, auf einer menschlichen Ebene, und wir wollen sie nicht verbrennen. Wir können guten Willen sehen, sowohl seitens des Heiligen Stuhls als auch seitens der chinesischen Regierung.
Der dritte Weg, der für mich der wichtigste in der Annäherung an China ist, ist kulturell. Einige Priester arbeiten an chinesischen Universitäten. Dann ist da auch die Kultur, wie die Ausstellung, die wir im Vatikan und in China gemacht haben. Das ist der traditionelle Weg, wie der der Großen, wie Matteo Ricci.
Ich denke mir die Beziehungen zu China gerne so, mit vielen Facetten, nicht nur die offiziellen diplomatischen, weil die zwei anderen sehr bereichernd sind. Ich glaube, dass die Dinge gut laufen. In Ihrer Frage haben Sie von zwei Schritten vorwärts und einem zurück gesprochen. Ich glaube, dass die Chinesen den Nobelpreis für Geduld verdienen, weil sie gut [darin] sind, sie können warten, die Zeit gehört ihnen und sie haben Jahrhunderte von Kultur ... Sie sind ein weises Volk, sehr weise. Ich respektiere China sehr.
F. Wie antworten Sie auf Sorgen wie die von Kardinal Zen?
A. Kardinal Zen hat Theologie an patriotischen Seminaren unterrichtet. Ich glaube, er ist etwas verängstigt. Vielleicht spielt das Alter auch eine Rolle. Er ist ein guter Mann. Er kam, um mit mir zu sprechen. Ich habe ihn empfangen, aber er ist etwas verängstigt. Dialog ist ein Risiko, aber ich ziehe das Risiko der sicheren Niederlage des Nicht-Miteinander-Redens vor. Was die Zeit betrifft, hat jemand gesagt, es ist chinesische Zeit. Ich glaube, es ist Gottes Zeit, vorwärts, ruhig.“
(www.asianews.it/news-en/Pope-talks-to-Reuters-about-the-dialogue-with-China-44224.html)

Hongkong

29. Mai 2018:
Hongkong: Appell zur Freilassung von Bischof Cui Tai
Die Kommission für Gerechtigkeit und Frieden der katholischen Kirche in Hongkong hat am 29. Mai ein Statement veröffentlicht, in dem sie die chinesische Regierung zur Freilassung von Bischof Augustinus Cui Tai, Koadjutorbischof von Xuanhua in Hebei, aufruft. Der Bischof gehört der Untergrundkirche an. Der Aufruf wird von Kardinal Joseph Zen unterstützt. Dem Statement zufolge wurde Bischof Cui Mitte April 2018 von Regierungsbeamten an einen unbekannten Ort gebracht. Weiter heißt es in dem Aufruf, dass Bischof Cui in den vergangenen elf Jahren, d.h. seit 2007, quasi ununterbrochen grundlos und ohne Gerichtsprozess in Haft saß oder unter Hausarrest stand. „In dieser Zeit wurde Msgr. Cui oft an geheimen Haftorten gehalten oder in Hotels oder zu ‚Reisen‘ unter der Eskorte von Regierungsbeamten gezwungen.“ Lediglich an chinesischen Feiertagen sei es ihm ab und an erlaubt worden, seine betagte Schwester zu besuchen. In dem Aufruf wird auch eine angemessene medizinische Behandlung für Bischof Cui gefordert, der unter verschiedenen Krankheiten leidet, sowie die Freilassung weiterer inhaftierter Kleriker. Namentlich werden Bischof Su Zhimin und Priester Liu Honggen von Baoding genannt.
Bischof Cui wurde 1950 in Zhangjiakou, Provinz Hebei, geboren, studierte am Untergrundseminar von Baoding und wurde 1990 von Bischof Shi Enxiang von Yixian zum Priester geweiht. 2013 wurde er zum Koadjutorbischof der Diözese Xuanhua geweiht (Asianews 30.05.; UCAN 30.05.).

23. Juni 2018:
Bischöfe von Hongkong und Macau bei Papst Franziskus
Die Bischöfe Michael Yeung Ming-cheung von Hongkong, sein Weihbischof Joseph Ha Chi-shing OFM sowie Bischof Stephen Lee Bun-sang von Macau kamen am 23. Juni 2018 zu ihrem gemeinsamen Ad-Limina-Besuch bei Papst Franziskus. Es war dies der erste Besuch nach zehn Jahren. In einem Gespräch mit AsiaNews nach dem Besuch beim Papst sagte Bischof Yeung, die Position des Vatikans gegenüber China sei klar: „Der Vatikan möchte niemanden vor den Kopf stoßen; er möchte keine falschen Schritte [für die Kirche] unternehmen, gleichzeitig muss er etwas Gutes für die Kirche und die chinesische Gesellschaft tun.“ Man müsse im Gespräch bleiben, diplomatische Beziehungen würden nicht über Nacht aufgenommen. „Der Papst“, so Bischof Yeung, „hat uns um das Gebet gebeten. Wir möchten für ihn beten, für die Kirche in China und für alle, die ihr Leben für den Glauben in China geopfert haben …“ (AsiaNews 23.06.).

Taiwan

14. Mai 2018:
Ad-Limina-Besuch der Bischöfe Taiwans bei Papst Franziskus
Es war der erste Ad-Limina-Besuch der sieben taiwanischen Bischöfe seit 10 Jahren und somit der erste seit Amtsantritt von Papst Franziskus. Die Delegation wurde von Erzbischof Hung Shan-chuan SVD von Taipei, Vorsitzender der Chinesischen regionalen Bischofskonferenz, geleitet. Weitere Mitglieder waren Erzbischof Liu Cheng-chung von Kaohsiung, Bischof Li Keh-mien von Hsinchu, Bischof Su Yao-wen von Taichung, Bischof Chung An-chu von Chiayi, Bischof Lin Chi-nan von Tainan sowie Bischof Huang Chao-ming von Hualien.
Erzbischof Hung sagte in einem Interview mit Radio Free Asia nach seiner Rückkehr aus Rom am 15. Mai, dass er Papst Franziskus seine Sorge über die mögliche Errichtung sino-vatikanischer Beziehungen bekundet habe. Taiwan fühle sich auf der internationalen Bühne verwaist. Er habe dem Papst mitgeteilt, dass der Heilige Stuhl Taiwan nicht als Teil Chinas sehen solle. „Sie können diplomatische Beziehungen aufnehmen, aber die Rechte und Interessen Taiwans sollten nicht geopfert werden“, so Erzbischof Hung. Der Papst solle Taiwan schützen. „Ich habe dem Papst auch gesagt, ,Bitte lasst uns in keiner Situation zurück.‘ Und der Papst antwortete: ‚Sicher nicht!‘“ Papst Franziskus habe den Bischöfen versichert, dass der Hirte niemals die Herde verlassen werde. Gleichzeitig habe er die Delegation um ihr Gebet für die Katholiken in China gebeten.
Die Bischöfe luden Papst Franziskus zum Eucharistischen Kongress in Taiwan im März nächsten Jahres ein. Bisher hat noch kein Papst Taiwan besucht. Falls der Besuch nicht zustande kommt, hofft Erzbischof Hung auf eine Videobotschaft an die Katholiken Taiwans.
In Taiwan leben 300.000 Katholiken, d.i. 2% der Bevölkerung. Der Vatikan – als einziger in Europa – zählt zu den 18 Staaten weltweit, die diplomatische Beziehungen mit Taiwan unterhalten. Erst im Mai d.J. haben die Dominikanische Republik und Burkina Faso die diplomatischen Beziehungen zu Taiwan abgebrochen und Beziehungen zur Volksrepublik China aufgenommen (AsiaNews 11.05.; Kyodo News 23.05.; Taipei Times 11.05.; UCAN 16.,22.05.).

29. Mai 2018:
Apple Daily Taiwan: Buddhistischer Tempel in „Kommunistische Basis“ umgewandelt
Der ehemalige buddhistische Biyun-Tempel im Kreis Changhua auf Taiwan wird seit Chinesisch Neujahr 2017 von Oberst i.R. Wei Mingren als eine Stätte der Huldigung des chinesischen Kommunismus und seiner Führer genutzt. Oberst i.R. Wei diente in seiner militärischen Laufbahn in der chinesischen Volksbefreiungsarmee. Er erwarb diesen verlassenen buddhistischen Tempel und wandelte ihn in eine „Basis des Kommunismus und Sozialismus“ um, so berichtet Taiwan News. Oberst i.R. Wei tritt öffentlich in seiner alten Armeeuniform auf und meint, es sei nur natürlich „in China“, wovon Taiwan ein Teil sei, den Tag mit einem Fahnenappell und dem Singen der volksrepublikanischen chinesischen Hymne zu beginnen.
Zwei Gruppen protestieren nun immer stärker gegen diese Form der Nutzung. Die erste ist eine Gruppe von buddhistischen Nonnen mit Hilfe von zwei Lokalpolitikern. Wie von Apple Daily Taiwan berichtet wurde, haben Su Huanzhi, ein Kandidat für das Bürgermeisteramt von Taipei, und Hsu Shuwei, Mitglied des Kreisrats von Changhua, in Begleitung einer Gruppe Nonnen bei den lokalen Behörden in Changhua eine Beschwerde gegen die „Beleidigung des Buddhismus“ durch eine derartige Nutzung für kommunistische Propaganda eingereicht.
Ebenfalls protestiert die politische Gruppe „Taiwan Guo“ (übers.: „der Staat Taiwan“) lautstark vor dem ehemaligen Tempel. Diese Gruppe, wie der Name verrät, setzt sich dafür ein, dass Taiwan als eigenständiger Staat wahrgenommen wird. Für sie sind das Hissen der Nationalflagge der Volksrepublik China, und das Singen der chinesischen Nationalhymne, des „Marsches der Freiwilligen“, ein Affront gegen die „staatliche Souveränität“ Taiwans. Sie protestierten mehrfach vor dem Tempelgelände, zuletzt, wie von Liberty Times News berichtet, wurde unter der Präsenz von 60 Polizisten, die sicherstellten, dass es zu keinen körperlichen Auseinandersetzungen zwischen einer größeren Gruppe von Anhängern von „Taiwan Guo“ und Oberst i.R. Wei und seinen Anhängern kommen werde (Apple Daily Taiwan 29.05.; Chinatimes 2.01.2017; Liberty Times News 8.06.; ).

Katharina Wenzel-Teuber
Katharina Feith
Isabel Hess-Friemann
Jan Kwee
Gregor Weimar

Alle Quellenangaben in der Chronik beziehen sich, wenn nicht anders angegeben, auf das Jahr 2018.

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