Hier informiert Sie das China-Zentrum zur Situation der Religionen und der christlichen Kirchen in China.

Chronik zu Religion und Kirche in China 1. Oktober bis 31. Dezember 2015

7. Oktober 2015:
Offizielle chinesische Website stellt fest, dass die Auswahl des Klerus und die Einteilung der Bistümer in China nicht Sache von „Gruppen im Ausland“ ist
Ein Beitrag mit dem Titel „Das sagt Onkel Xi zur Religion“, der am 7. Oktober auf Zhongguo Xizang wang (China Tibet Online) erschien und am Folgetag von Zhongguo minzu bao (China Ethnic News) übernommen wurde, analysiert Äußerungen von Staatspräsident Xi Jinping zum Thema Religion – insbesondere aus seiner Rede auf der Zentralen Konferenz zur Einheitsfrontarbeit am 20. Mai 2015. Einen der dort von Xi genannten Grundsätze der chinesischen Religionspolitik – das „Festhalten am Prinzip der autonomen Selbstverwaltung“ – erläutert der Beitrag mit einem offensichtlichen Seitenhieb auf die katholische Kirche (ohne diese zu nennen): Autonome Selbstverwaltung der Kirche bedeute, dass „sich die Chinesen selbst um die Ausbildung und Auswahl des Klerus sowie die Einteilung und Verwaltung der religiösen Bistümer kümmern, also gewisse Gruppen im Ausland sich darüber nicht mehr den Kopf zu zerbrechen brauchen“. Autonome Selbstverwaltung heiße aber nicht, einfach nur zu tun und zu lassen, was man wolle. „Onkel Xi“ habe vielmehr gesagt, dass die Religionen aktiv zur Anpassung an den Sozialismus angeleitet werden müssten.
Mit dem Artikel sende die KP Chinas ein Signal, dass sie die Kontrolle über die katholische Kirche und andere Religionen intensivieren wolle, schrieb die katholische Nachrichtenagentur UCAN. Die Bischofsernennungen und die Einteilung der Bistümer sind zentrale Streitpunkte zwischen dem Vatikan und China (www.mzb.com.cn 8.10; www.tibet.cn 7.10.; UCAN 9.10.).
Zu weiteren Aspekten der Rede Xis vom 20. Mai siehe den Eintrag vom 20.–21. November 2015 (Sinisierung der Religionsarbeit) und das Interview mit Liu Peng (Verrechtsstaatlichung) in der Dokumentation dieser Nummer.

8. Oktober 2015:
Ausstellung mit Werken von Castiglione in Taiwan eröffnet
Im Palastmuseum in Taipei wurde anlässlich des 90-jährigen Bestehens des Museums, das zu den größten der Welt zählt, eine Ausstellung mit Werken des berühmten italienischen Jesuitenmissionars Giuseppe Castiglione (1688–1766) eröffnet. Castiglione wirkte 51 Jahre in China und verstarb in Beijing. Er diente mehreren Kaisern als Hofmaler und machte in China die westliche Malerei bekannt. Auch verband er westliche Öl- und chinesische Tuschmalerei (AsiaNews 12.10.).

11. Oktober 2015:
Chinesische Hadschis aus Mekka zurückgekehrt
14.500 Pilger aus der VR China nahmen am diesjährigen Hadsch nach Mekka teil, so die Angaben der Chinesischen islamischen Vereinigung CIV, die die Wallfahrt für China zentral organisiert. Die Pilgerquoten für jedes Land werden von Saudi-Arabien festgelegt. Nach Angaben eines Vertreters der CIV kostet der Hadsch jeden Pilger rund 38.000 Yuan. Drei Pilger aus der VR China wurden verletzt, als am 11. September ein Baukran auf die Große Moschee in Mekka stürzte; bei dem Zwischenfall kamen über 100 Menschen ums Leben (China Daily 14.09.; Global Times 25.08.; Xinhua 11.10.).

11.–16. Oktober 2015:
„Geheimer“ Besuch einer Vatikan­delegation in Beijing zu zweiter Verhandlungsrunde
Laut UCAN, das über den von beiden Seiten diskret behandelten Delegationsbesuch berichtete, bestand die sechsköpfige Vatikandelegation aus Vertretern des Staatssekretariats und der Kongregation für die Evangelisierung der Völker. Die Nachrichtenagentur gab sodann einige Informationen weiter, die sie von P. Jeroom Heyndrickx CICM vom Verbiest-Institut in Löwen erhalten hatte. P. Heyndrickx zufolge gab es Gerüchte, dass beide Seiten übereingekommen seien, die „dornigeren Probleme“ zunächst beiseitezulassen – z.B. die Freilassung von Bischof Su Zhimin aus dem Gefängnis, die Klärung der Situation der exkommunizierten Bischöfe oder die Normalisierung der Situation Bischof Ma Daqins von Shanghai – und sich auf eine Übereinkunft für die Frage der Bischofsernennungen zu konzentrieren. P. Heyndrickx berichtete, dass die Vatikandelegation am 14. Oktober (den von Rom und Beijing anerkannten) Bischof Li Shan von Beijing besuchte und am folgenden Tag das Nationale Priesterseminar, wo sie von dem (illegitimen) Bischof Ma Yinglin begrüßt worden sei, dem Vorsitzenden der von Rom nicht anerkannten offiziellen Chinesischen Bischofskonferenz. Beide Besuche wertete P. Heyndrickx als positive Signale, die anzeigten, dass die Verhandlungen gut verliefen.
Über den Inhalt und Verlauf der Gespräche oder die Namen der beteiligten Personen wurde nichts bekannt. Laut UCAN war das Treffen im Oktober das zweite nach der Wiederaufnahme formaler Gespräche im Juni 2014. Am 28. Oktober bestätigte Kardinalstaatssekretär Parolin gegenüber Radio Vatikan den Besuch der Vatikandelegation in Beijing. Nach den Fortschritten gefragt, sagte er, „Allein die Tatsache, dass wir miteinander sprechen können, ist ein signifikanter Schritt.“ Bei allem gehe es darum, eine Einigung zu finden und normale Beziehungen auch mit China zu haben, wie mit den meisten Ländern der Welt (Radio Vaticana 29.10.; UCAN 16.,22.10).

13. Oktober / 9. November 2015:
Exiltibetische Organisation berichtet von Massenausweisungen und anderen Repressionen gegen Klöster im Kreis Driru
Über hundert von insgesamt zweihundert Nonnen seien aus dem Nonnenkloster Jada Gaden Khachoeling in der Gemeinde Pekar (chin. Baiga) im Kreis Driru (Biru) im Regierungsbezirk Nagqu, Autonomes Gebiet Tibet, ausgewiesen worden, als der Regierungschef des Kreises vom 27. September 2015 an das Kloster drei Tage lang inspizierte – berichtete das Tibetan Centre for Human Rights and Democracy (TCHRD) in Dharamsala. Den ausgewiesenen Nonnen sei unter Androhung von Konsequenzen für ihre Familien verboten worden, zu Hause ihren Habit zu tragen oder zum Studium in andere Gegenden zu gehen. Die Behörden hätten zudem Vorschriften erlassen, nach denen auch registrierte Nonnen, die über 50 Jahre alt sind, das Kloster verlassen und in Altersheime ziehen müssten. Vorausgegangen sei am 19. September 2015 der Erlass von Dokument Nr. 224 der Partei und Regierung des Kreises Driru, das zu einer Intensivierung von Reinigung und Reform der religiösen Einrichtungen im Kreis aufrufe, mit folgenden Bestimmungen: Finanzen und Aktivitäten der religiösen Einrichtungen sollen genau überwacht werden. Mönche und Nonnen müssen wöchentlich an Erziehungskursen teilnehmen. Die Kreisregierung hat das alleinige Recht zur Ernennung von Reinkarnationen und prominenten religiösen Persönlichkeiten, diese dürfen nicht mehr ihre traditionelle Rolle als Vermittler in lokalen Streitfällen ausüben. Mönche, die über die erlaubte Quote hinaus in Klöster aufgenommen wurden, werden ausgewiesen. TCHRD zufolge sollen Behördenvertreter, die diese Vorschriften nicht umsetzen, verwarnt oder mit Gehaltsentzug oder Entlassung bestraft werden. Der Kreis Driru werde von den chinesischen Behörden als politisch besonders instabil betrachtet, schreibt TCHRD. Man wisse von 104 Tibetern, die seit 2012 in dem Kreis willkürlich festgenommen, gefoltert worden, verschwunden oder im Gefängnis seien. Vier von ihnen seien dauerhaft verschwunden und vier seien im Polizeigewahrsam gestorben (www.tchrd.org 13.10.; 9.11.).

19.–24. Oktober 2015:
Patriotischer Kurs in Guizhou für Spitzen des offiziellen katholischen Klerus  – Religionsbüro mahnt zu „unerschütterlichem Festhalten an der autonomen Selbstverwaltung“ der Kirche
Nach Angaben auf seiner eigenen Website veranstaltete das Staatliche Büro für religiöse Angelegenheiten (BRA) eine „Besichtigungsreise“ in die südwestchinesische Provinz Guizhou für eine insgesamt 25-köpfige Gruppe aus Bischöfen, Priestern, Schwestern und Laien. Bei der Auftaktveranstaltung sprach Chen Zongrong, Vizedirektor des BRA, über die Bedeutung und das verstärkte Festhalten unter der neuen Situation an der „Liebe zum Land und Liebe zur Kirche“. Deren hauptsächlicher Ausdruck in der aktuellen Phase seien Festhalten an der Religionspolitik der Partei, verstärkter Selbstaufbau [der Gremien], Festhalten an der Richtung auf Sinisierung hin, demokratische Leitung der Kirche und Dienste zum Wohl der Gesellschaft. Chen ermahnte die Kirchenvertreter, unerschütterlich an der autonomen Selbstverwaltung [gemeint: in Unabhängigkeit von Rom] der Kirche festzuhalten.
Vorsitzende, Vizevorsitzende und Generalsekretäre der Chinesischen katholischen patriotischen Vereinigung und der offiziellen Chinesischen Bischofskonferenz sowie Kirchenvertreter aus einigen wichtgen Provinzen und Städten nahmen an der Reise teil. Sie umfasste laut BRA-Bericht auch eine konzelebrierte Eucharistiefeier in der Bischofskirche des „Bistums Guizhou“ (www.sara.gov.cn 27.10.; vgl. UCAN 30.10.).

21.–23. Oktober 2015:
Botschaft von Papst Franziskus zu internationalem Ricci-Kongress
Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin hat im Namen von Papst Franziskus anlässlich eines internationalen Ricci-Kongresses in Macerata/Italien – der Heimat Matteo Riccis – ein Telegramm an den Bischof von Macerata, Nazzareno Marconi, gesandt. Der Kongress zum Thema „Neue Perspektiven in den Studien zu Pater Matteo Ricci“ wurde vom 21. bis 23. Oktober von der Universität Macerata und dem Konfuzius-Institut in Macerata veranstaltet. In dem Telegramm brachte der Papst seine Wertschätzung für diese Initiative zum Ausdruck, die der Vertiefung „des missionarischen Werkes und dem kulturellen Handeln des berühmten Bürgers von Macerata, eines Freunds des geliebten chinesischen Volkes“, diene. Er hoffe, dass „die Erinnerung an einen solch leidenschaftlichen Mann der Kirche, der für soziale Veränderungen aufmerksam war und sich der Verbindung zwischen der europäischen und der chinesischen Kultur widmete, die Bedeutung des Dialogs stärkt zwischen den Kulturen und Religionen in einem Klima gegenseitigen Respekts und im Hinblick auf das Gemeinwohl“ (www.jesuiten.org 22.10.; www.news.va/en [Vatican Information Service] [22.]10.; www.diocesimacerata.it/news/25-in-evidenza/443-telegramma-del-santo-padre-francesco-per-il-convegno-internazionale-a-macerata-su-p-matteo-ricci.html).

24.–25. Oktober 2015:
4. Buddhistisches Weltforum in Wuxi
Über 1.000 Teilnehmer aus 52 Ländern nahmen an dem Ereignis teil. Es wurde – wie auch die drei vorangegangenen Buddhistischen Weltforen – von der Chinesischen buddhistischen Vereinigung (CBV) und der dem Staatlichen Religionsbüro (BRA) unterstehenden Chinesischen Vereinigung für den Austausch religiöser Kulturen organisiert. Der Staat messe der Veranstaltung große Bedeutung bei, erklärte BRA-Direktor Wang Zuo’an auf der Abschlussveranstaltung. In seiner Eröffnungsrede rief Meister Xuecheng, der Vorsitzende der CBV, die Buddhisten in aller Welt zu einem Austausch zwischen den verschiedenen buddhistischen Traditionen, zwischen den verschiedenen Religionen sowie zwischen Buddhismus und moderner Wissenschaft und Technologie auf. Ein Unterforum befasste sich mit dem Thema „Buddhismus und Neue Medien“. Auf dem Unterforum „Buddhistische Jugend“ sprach der offizielle, vom Staat eingesetzte Panchen Lama über die Ausbildung junger Mönche und betonte dabei die Bedeutung der monastischen Disziplin. Die jungen Mönche müssten Selbstbeherrschung und Widerstand gegen äußere Versuchungen lernen. Laut China Daily nannte er herumwandernde Mönche, von denen viele die Regeln brechen würden, als Herausforderung für die Religion. Mönche tibetischer Klöster ermahnte er, sich angesichts des großen sozialen Wandels an die neue Zeit und Gesellschaft anzupassen (Website des Buddhistischen Weltforums: www.wbfls.org; China Daily 25.10.).

29. Oktober 2015:
Veränderungen bei der Geburten­kontrolle: Ein-Kind-Politik abgeschafft
Auf seiner jährlichen Vollversammlung beschloss das Zentralkomitee der KP Chinas, dass künftig allen Paaren in China erlaubt werden soll, ein zweites Kind zur Welt zu bringen. Die entsprechende Gesetzesänderung wird voraussichtlich im März 2016 vom Nationalen Volkskongress verabschiedet und anschließend von den Provinzregierungen umgesetzt. Bisher war es für Familien auf dem Land bereits legal, ein zweites Kind zu bekommen, falls das erste ein Mädchen war. Auch wurde vor einigen Jahren die Ein-Kind-Politik dahingehend gelockert, dass Ehepaare, die beide Einzelkinder sind, ein zweites Kind bekommen durften, ab 2013 durften schließlich auch Familien, in denen lediglich ein Elternteil selbst Einzelkind ist, zwei Kinder bekommen.
Viele Familien auf dem Land hielten sich nicht an die Vorgaben und hatten mehrere Kinder, was zu hohen Strafen bzw. vielen illegalen Existenzen führte. Kinder, die außerhalb der Geburtenrate geboren werden, haben keinen rechtlichen Bürgerstatus. Die Ende der 1970er Jahre eingeführte Ein-Kind-Politik hat aufgrund von selektiven Abtreibungen zudem zu einer unverhältnismäßig hohen Zahl von männlichen Geburten, zu einer schnell alternden Gesellschaft ohne adäquate Absicherung sowie einen Arbeitskräftemangel geführt. Viele Frauen, die zu Abtreibungen und Sterilisationen gezwungen wurden, sollen traumatisiert sein.
In den Städten hätten in den letzten Jahren nur verhältnismäßig wenige Paare den Antrag auf ein zweites Kind gestellt. Hohe Lebenshaltungskosten, schlechte Gesundheitsversorgung und immense Kosten für die Ausbildung eines Kindes, zunehmende Umweltbelastungen wie auch der Druck für die Versorgung der älteren Familienangehörigen habe viele Paare davon abgehalten, ein weiteres Kind zu bekommen, so die South China Morning Post am 30. Oktober. Experten bekundeten, dass aus demographischer Sicht der Schritt zu spät komme. Die neue Politik habe mehr politischen und humanitären Charakter denn demographischen. Der erwartete – relativ niedrige – Bevölkerungsanstieg reiche nicht aus, um die Alterspyramide zu verändern sowie den Arbeitskräftemangel zu beseitigen (South China Morning Post 29.,30.10.; 16.11.; Xinhua 29.10.; 19.11.).

30. Oktober 2015:
Buddhistischer Sektengründer Wu Zeheng wird zu lebenslanger Haft verurteilt
Ein Gericht in Zhuhai verurteilte Wu wegen „Organisation/Benutzung eines illegalen Kults zur Untergrabung der Rechtsdurchsetzung“ (12 Jahre Gefängnis), „Vergewaltigung“ (lebenslänglich), „Betrug“ (14 Jahre) sowie „Herstellung und Verkauf gesundheitsschädlicher Nahrungsmittel“ (6 Jahre). Zusätzlich verhängte das Gericht eine Geldstrafe von 7,15 Mio. Yuan. Drei Anhänger Wus wurden zu Gefängnisstrafen von drei bzw. vier Jahren verurteilt. Die in Hongkong ansässige Organisation Chinese Human Rights Defenders (CHRD) bezeichnete das in einer geschlossenen Verhandlung verhängte Urteil gegen Wu als „übermäßig hart und äußerst ungerecht“. Xinhua hingegen erklärte u.a., Wu habe Frauen dazu gebracht, mit ihm zu schlafen, indem er behauptet habe, er verleihe ihnen übernatürliche Kräfte, und 6,7 Mio. Yuan unrechtmäßig erworbenen Gewinn angesammelt. Wu Zeheng gründete in den frühen 1990er Jahren die buddhistisch inspirierte Gruppe Huazang zongmen. 1999 forderte er in einem offenen Brief an die Staatsführung Reformen. 2000 wurde er wegen Wirtschaftsvergehen zu 11 Jahren Gefängnis verurteilt. Nach seiner Entlassung 2010 wurde er laut chinachange.org in Zhuhai unter Hausarrest gestellt, soll aber seine religiöse Anhängerschaft ausgebaut und „Tausende Gläubige in der ganzen Welt angezogen“ haben. Im Juli 2014 wurden er und Dutzende seiner Anhänger bei Razzien in verschiedenen Unternehmen und Wohnhäusern des Huazang zongmen erneut festgenommen (chinachange.org 3.11.; chrdnet.com 5.11.; UCAN 2.11.; Xinhua 31.10.).
Vgl. China heute 2015, Nr. 3, Chronik, 15. / 16. Juli 2015.

Ende Oktober 2015:
Meldungen: Zwangsweise Kreuz­demontagen in Zhejiang abgeflaut – jedoch mindestens 20 Christen an unbekannten Orten inhaftiert
Seit September ist die Kreuzabrisskampagne der Behörden in der Provinz Zhejiang abgeflaut, schrieb UCAN am 29. Oktober. Auch China Aid zitierte am 30. Oktober einen lokalen Christen mit der Aussage, dass die Kreuzabrisse weitgehend beendet seien. Insgesamt waren seit Anfang 2014 die Dach- und Turmkreuze von über 1.500 protestantischen und katholischen Kirchen in der Provinz entfernt worden.
China Aid meldete unter Berufung auf örtliche Quellen, dass zwischen 25. August and 24. Oktober 2015 in den Städten Wenzhou und Jinhua mindestens 20 protestantische Christen, die Widerstand gegen Kreuzdemontagen geleistet hatten, unter „überwachtes Wohnen an einem zugewiesenen Ort“ gestellt worden seien. (Zu dieser Form der incommunicado-Haft siehe den Eintrag vom 12. November 2015). Man wisse nicht, wo sie sich aufhalten. Die Behörden verwehrten ihnen mit der Begründung, sie seien verdächtig, Staatsgeheimnisse ausspioniert und illegal weitergegeben zu haben, den Zugang zu ihren Anwälten. Zu den so Inhaftierten gehören laut China Aid Pastor Huang Yizi von der Fengwo-Kirche, der erst am 1. August 2015 aus einjähriger Haft entlassen und am 12. September erneut festgenommen wurde, sowie der Bejinger Rechtsanwalt Zhang Kai und seine zwei Assistenten. Zhang Kai hatte die Gruppe „Rechtsanwälte für den Schutz des Kreuzes“ gegründet und protestantische Gemeinden in Zhejiang, die ihre Kreuze schützen wollten, rechtlich beraten. Am 25. August war er u.a. unter dem Vorwurf der Weitergabe von Staatsgeheimnissen an ausländische Organisationen festgenommen worden (chinaaid.org 30.10.; UCAN 29.10.).

7. November 2015:
Gipfeltreffen zwischen Xi Jinping und Ma Ying-jeou, bevorstehende Präsidentschaftswahlen in Taiwan und Spekulationen zur Position Taiwans in sino-vatikanischen Verhandlungen
Am 7. November kam es in Singapur zum historischen ersten Treffen zwischen einem Präsidenten der Volksrepublik und einem Präsdenten der Republik China auf Taiwan – Xi Jinping und Ma Ying-jeou. Gleichzeitig läuft in Taiwan der Wahlkampf für die Präsidentschaftswahlen am 16. Januar 2016. Zwar geht es bei keinem der beiden Ereignisse um den Vatikan, doch sehen einige Beobachter mögliche Auswirkungen auf die sino-vatikanischen Beziehungen. Die VR China habe kein Interesse daran, dem aktuellen Präsidenten Ma und seiner Partei Kuomintang, die eine Politik der Annäherung an Beijing vertreten, durch Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit dem Vatikan zu schaden. Dies könne sich jedoch ändern, wenn am 16. Januar 2016 in Taiwan die nach Umfragen führende Kandidatin Tsai Ing-wen die Präsidentschaftswahl gewinnen sollte, deren Demokratische Fortschrittspartei (DDP) zu einer Unabhängigkeit Taiwans tendiert. Falls Tsai die Wahl gewinne und mit ihrer Politik Richtung Unabhängigkeit steuere, werde Beijing, nach Meinung einiger Beobachter, den Vatikan wahrscheinlich unter Druck setzen, seine diplomatischen Beziehungen zu Taiwan abzubrechen – schrieb Francis Kuo in UCAN. Im Tandem mit Tsai Ing-wen bewirbt sich der parteilose Philipp Chen Chien-jen, ein Katholik, um das Amt des Vizepräsidenten. Der Vatikan unterhält als eines von wenigen Ländern der Welt noch Beziehungen zur Republik China auf Taiwan, deren Abbruch Beijing als Vorbedingung einer Normalisierung der Beziehungen zum Vatikan fordert (UCAN 6.,10.,17.,20.11.).

8. November 2015:
Chinesischer „Untergrund“-Priester kommt unter ungeklärten Umständen zu Tode
Die Leiche des Priesters Pedro Yu Heping wurde – wie die Polizei seinen Angehörigen am 11. November mitteilte – am 8. November bei Taiyuan (Shanxi) im Fen-Fluss entdeckt. Die Umstände seines Todes waren unklar; alle, die ihn näher kannten, schlossen Selbstmord jedoch aus. Laut Tianzhujiao zaixian waren die polizeilichen Ermittlungen am 26. November noch nicht abgeschlossen.
Pedro Yu Heping wurde 1974 in Shanxi geboren. Er studierte am Untergrund-Priesterseminar von Baoding und wurde 2004 zum Priester geweiht, er gehörte zur Diözese von Ningxia im Untergrund. Ab 2001 studierte er in Spanien, wo er einen Master in Kirchenrecht und einen weiteren Abschluss in Katholischer Soziallehre erwarb. 2007 kehrte er nach China zurück. In den frühen 2000er Jahren war Fr. Yu Mitgründer der populären katholischen Website Tianzhujiao zaixian. In den letzten Jahren beschäftigte er sich laut UCAN mit der Herausgabe einer theologischen Zeitschrift sowie mit Forschung zu theologischen und kulturellen Themen. Er gab Exerzitien und Fortbildungen und begleitete junge Katholiken beim Einsatz in entlegenen Regionen Chinas (AsiaNews 16.11.; cardinalkungfoundation.org 13.11.; chinacath.com 13.11. [am 26.11. durch ein Update überschrieben]; china.ucanews.com 16.11.; UCAN 16.11).
Siehe hierzu die Beiträge in den Informationen dieser Nummer.

9. November 2015:
Parteichef von Tibet fordert Vorgehen gegen Parteikader „mit zwei Gesichtern“, die insgeheim an eine Religion glauben und dem Dalai Lama anhängen
Eine Regierungspartei mit 87 Mio. Mitgliedern könne nur unter Beachtung der politischen Disziplin ihre Einheit, Kampfkraft, Kohäsivkraft und Reinheit bewahren, sagte Chen Quanguo, der Parteichef des Autonomen Gebiets Tibet (AGT), in einem Interview, das von der „Chinesischen Zeitung für Disziplin-Inspektion und Kontrolle“ veröffentlicht wurde. Das sei in Tibet besonders wichtig. Die Partei müsse streng solche Parteikader untersuchen und bestrafen, „die in der Frage von wahr und falsch ‚zwei Gesichter‘ haben, deren Nationalitätenverständnis nicht korrekt ist, die so tun, als ob sie nicht an eine Religion glauben, aber insgeheim glauben“. Das Gleiche forderte er für Kader, „die der Clique des 14. Dalai Lama anhängen, sich an Infiltration beteiligen, die ins Ausland reisen, um den Dalai Lama zu verehren, an [seinen] Dharma-Versammlungen und Sutrenauslegungen teilzunehmen und ihre eigenen Kinder an Schulen der Dalai Lama-Clique schicken“. In diesem Jahr seien im AGT bereits 19 Fälle von Disziplinverletzung untersucht und 20 Personen bestraft worden (Zhongguo jijian jiancha bao 9.11. nach csr.mos.gov.cn/content/2015-11/09/content_19075.htm; chinadigitaltimes.net 11.11.).

10. November 2015:
Vizedirektor des Staatlichen Büros für religiöse Angelegenheiten (BRA) kündigt nationale Konferenz zur Religionsarbeit an
Chen Zongrong, einer der Vizedirektoren des BRA, sagte bei einem Treffen von Religionsbeamten aus allen Provinzen Chinas in der Stadt Dali, dass die zentralen Behörden [von Partei und Staat] planen, in diesem Jahr [d.h. 2015] eine nationale Konferenz zur Religionsarbeit abzuhalten. Derzeit sei man dabei, die „Vorschriften für religiöse Angelegenheiten“ zu revidieren. Im kommenden Jahr [2016] werde es die Hauptaufgabe in der Religionspolitik sein, den Geist der nationalen Konferenz zur Religionsarbeit und die revidierten „Vorschriften“ zu verbreiten (sara.gov.cn 20.11.2015).
Solche nationale Religionskonferenzen dienen der Ausrichtung der Religionspolitik, die angekündigte Konferenz hat allerdings bislang (Stand Ende März 2016) nicht stattgefunden. Siehe auch den Beitrag in den Informationen dieser Nummer.

11. November 2015:
Umfrage: Förderung chinesischer NGOs durch ausländische Organisationen ist wegen neuer Gesetzeslage stark zurückgegangen
Eine Umfrage unter ca. 200 chinesischen NGOs, deren Ergebnis am 11. November 2015 in Beijing vorgestellt wurde, ergab, dass die Förderung solcher Organisationen durch ausländische Organisationen und Stiftungen im Jahr 2015 stark zurückgegangen ist. Die Arbeit von ausländischen NGOs in China wird seit einiger Zeit durch neue Gesetze zunehmend massiv behindert. Es handelt sich dabei um das Gesetz zur Nationalen Sicherheit (siehe hierzu China heute 2015, Nr. 3, Chronik, 1. Juli 2015), das geplante Gesetz zur Cybersicherheit und insbesondere um das eventuell in der ersten Hälfte des Jahres 2016 in Kraft tretende Gesetz zur Verwaltung von ausländischen Nichtregierungsorganisationen (siehe hierzu China heute 2015, Nr. 2, Chronik, 4. Juni 2015; Nr. 3, S. 173f.). Durch den im bisher vorliegenden Entwurf für dieses Gesetz vorgesehenen Zwang zur Registrierung der ausländischen NGOs in China, wobei gleichzeitig das Registrierungsverfahren sehr schwierig zu durchlaufen ist, und auch durch die vorgesehene intensive Überwachung der ausländischen NGOs und die Notwendigkeit, für sämtliche Aktivitäten einschließlich des Geldtransfers vom Ausland auf die Konten chinesischer NGOs Genehmigungen einzuholen, werden die Arbeitsmöglichkeiten ausländischer NGOs in China sehr effektiv eingeschränkt. Die Polizei und die Organe der Staatssicherheit werden nach Inkrafttreten des Gesetzes zur Verwaltung ausländischer NGOs sehr weitreichende Befugnisse zur Überwachung, Reglementierung und Kontrolle der ausländischen NGOs besitzen, welche infolgedessen schon im Vorfeld ihre Aktivitäten in China stark eingeschränkt haben (China Development Brief 19.11.; EU-China Newsletter 2015, Nr. 5). Jan Kwee

12. November 2015:
Amnesty International veröffentlicht Bericht über Folter in der chinesischen Strafjustiz
Die Anwendung von Folter zum Erzwingen von Geständnissen ist in der Polizeiarbeit nach wie vor verbreitet, obwohl sie durch das Strafprozessgesetz und das Polizeigesetz verboten ist. Zu diesem Ergebnis kommt Amnesty in seinem Bericht No End in Sight. Torture and Forced Confession in China. Zu den Ursachen zählt Amnesty vor allem mangelnde Unabhängigkeit der Justiz bei gleichzeitig übermäßiger Machtfülle der Sicherheitsbehörden, Behinderung der Arbeit von Rechtsanwälten sowie eine fehlende gesetzliche Definition von Folter. Betroffen sind laut Amnesty besonders Untersuchungshäftlinge in politischen Fällen, die Dissidenten, ethnische Minderheiten oder religiöse Aktivitäten betreffen. In den letzten Jahren hätten die Behörden zunehmend eine neue Form der incommunicado-Haft eingesetzt, die mit der seit 2013 geltenden Revision des Strafprozessgesetzes (§ 73) formalisiert wurde – das „überwachte Wohnen an einem zugewiesenen Ort“ (指定居所监视居住, residential surveillance in a designated location). Das Gesetz sieht diese Form der Haft für Verdächtige vor, wenn die Verbrechen die nationale Sicherheit, Terrorakte oder schwere Bestechung betreffen. Da Häftlinge in überwachtem Wohnen an einem zugewiesenen Ort keinen Kontakt mit der Außenwelt haben, sind sie laut Amnesty einem erhöhten Risiko für Folter und Misshandlung ausgesetzt. Nach Angaben von Amnesty befinden sich derzeit 12 Anwälte, die im Zuge des Vorgehens gegen Menschenrechtsanwälte seit Juli 2015 festgenommen wurden, in überwachtem Wohnen an einem zugewiesenen Ort (www.amnesty.org/en/documents/asa17/2730/2015/en/; vgl. China heute 2015, Nr. 3, Chronik, ab 10. Juli 2015). Außerdem wurden in Zhejiang laut China Aid mindestens 20 protestantische Christen in Zusammenhang mit Widerstand gegen Kreuzabrisse unter diese Form der Haft gestellt (siehe Eintrag von Ende Oktober 2015).

17.–18. November 2015:
Konferenz zur „Verschmelzung von katholischer Kirche und Gesellschaft in China“ in Hongkong
Die Konferenz war die fünfte in einer Reihe von Tagungen zum Thema „Funktion und Einfluss des Christentums in der chinesischen Gesellschaft“. Sie wurde von der staatlichen Renmin-Universität in Beijing und zwei katholischen Forschungseinrichtungen – der Yuan Dao Study Society (Hongkong) und dem Faith Institute for Cultural Studies (Shijiazhuang, Provinz Hebei) – organisiert. Entsprechend setzten sich die Teilnehmer aus Fachleuten festländischer Universitäten und Akademien, wissenschaftlich tätigen katholischen Priestern, Ordensfrauen und Laien sowie einigen evangelischen Theologen aus Festlandchina und Hongkong zusammen, ferner aus Vertretern festlandchinesischer Behörden (Einheitsfrontabteilung, Zeitschrift Zhongguo zongjiao des Staatlichen Religionsbüros u.a.). Die Tagung begann mit einem Forum zum Thema Religion und internationale Beziehungen. Es folgten Vorträge zu den Themenblöcken aktive Integration der chinesischen katholischen Kirche in die Gesellschaft, der mögliche Beitrag des Christentums zum Aufbau der Rechtsstaatlichkeit in China sowie die heutige Gesellschaft und die Inkulturation der kirchlichen Evangelisierung. Im letzten Forum ging es um gottgeweihtes Leben unter dem Druck der Säkularisierung. Ein Bericht in der der Staatlichen Kommission für ethnische Angelegenheiten unterstehenden Zeitung Zhongguo minzu bao (China Ethnic News) hob den Eröffnungsbeitrag des Hongkonger Bischofs Kardinal John Tong hervor. Tong sagte, die Kirche sehe Inkulturation seit langem als notwendig an. Er betonte aber, Inkulturation müsse ein natürlicher Prozess sein, der von der Ortskirche selbst ausgehe; es müsse vermieden werden, dass von außen wirkende Kräfte der Ortskirche Dinge aufzwingen, die nicht dem Geist des Evangeliums entsprechen (Fides 20.11.; www.mzb.com.cn 24.11. u.a.).
Siehe auch den Eintrag vom 20.–21. November 2015.

19. November 2015:
China Aid: Gericht in Shandong weist Revisionsklage eines wegen Kultvorwürfen verurteilten Geschäftsmanns zurück
Weil er Bücher besaß, die von der „Ortskirche“ (Difang jiaohui 地方教会, Local Church) vertrieben werden, wurde der christliche Geschäftsmann Yan Shubing nach Angaben von China Aid wegen „Benutzung einer häretischen Kultorganisation zur Untergrabung der Rechtsdurchsetzung“ am 16. Dezember 2014 zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Anfang Oktober 2015, so China Aid, wurde sein Widerspruch gegen das Urteil von einem Gericht in Linyi, Provinz Shandong, abgewiesen (chinaaid.org 19.11.).
Die „Ortskirche“-Bewegung – so genannt wegen der von ihr vertretenen Überzeugung, dass es an jedem Ort nur eine christliche Kirche geben sollte – entstand in den 1920er/1930er Jahren in China initiiert von Watchman Nee und Witness Lee, wurde unter verschiedenen Namen (u.a. „Kleine Herde“) bekannt und verbreitete sich auch international.

20.–21. November 2015:
Internationale Konferenz „Der Weg der Sinisierung des Christentums“ in Beijing
Vertreter aus Politik (Einheitsfront des ZK sowie nationales und lokale Religionsbüros), Wissenschaft und evangelischer Kirche nahmen an der Konferenz teil. Sie wurde vom Institut für Weltreligionen (IWR) und vom Zentrum für Christentumsforschung der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften, der am IWR angesiedelten Chinesischen Vereinigung für Religionswissenschaft und von den zwei offiziellen protestantischen Leitungsgremien der Stadt Beijing organisiert. IWR-Direktor Zhuo Xinping erklärte in seiner Eröffnungsansprache, die Verschmelzung von Christentum und chinesischer Kultur habe bereits in der Tang-Zeit begonnen und bedeute nicht Selbstabschottung, sondern vielmehr Erneuerung hervorragender Elemente anderer Kulturen im chinesischen Volk und Verkörperung der chinesischen Kultur im Leben der Christen. Liu Xianchuan vom lokalen Beijinger Religionsbüro erklärte, die „Sinisierung des Christentums“ sei ein gemeinsames Thema von Wissenschaft, Politik und Kirche; er erhoffe sich von der Konferenz Anleitung für die chinesische Kirche bezüglich ihrer künftigen Entwicklung und Empfehlungen für politische Entscheidungen der Regierung. Laut Pastor Shan Weixiang vom Chinesischen Christenrat hat der Weg der Sinisierung mit der Drei-Selbst-Bewegung begonnen, die das Christentum vom Etikett einer ausländischen Lehre befreite. Weitere Beiträge befassten sich mit Aspekten der Sinisierung des Christentums in den Bereichen von Spiritualität, Familienethik oder Erlösungslehre – hieß es in den Konferenzberichten in Fuyin shibao (Gospel Times) und Zhongguo minzu bao (China Ethnic News) (www.gospeltimes.cn 22.11.; www.mzb.com.cn 24.11.).
Seit 2014 wird das Thema „Sinisierung des Christentums“ in China kontrovers diskutiert. Parteichef Xi Jinping forderte am 20. Mai 2015 eine Sinisierung der Religionsarbeit. Siehe auch den Eintrag vom 17.–18. November 2015 und China heute 2015, Nr. 3, S. 162-164.

25. November 2015:
Xinhua: Drei Anhänger der „Lehre der Obersten Gottheit“ wegen „Kultaktivitäten“ zu Gefängnisstrafen verurteilt
Huang Caiqiong wurde zu vier, Li Meying zu drei und Nie Qunying zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Dem Urteil des Gerichts in Hezhou (Guangxi) zufolge hatten die drei Broschüren der Sekte verteilt und Versammlungen organisiert. Huang und Nie sollen laut Gerichtsurteil außerdem einen Mann dazu gebracht haben, im Februar 2014 seine beiden minderjährigen Töchter in den „Dienst der Obersten Gottheit“ zu geben; die vermissten Mädchen seien sechs bzw. acht Monate später von der Polizei gerettet worden.
Die christlich inspirierte Sekte „Lehre der Obersten Gottheit“ (Zhushenjiao 主神教, in englischsprachigen Medien auch Lord God Sect) wurde 1993 in Anhui gegründet. Sie vertritt eine Endzeit- und Erlösungslehre, predigt die Schaffung eines „göttlichen Reiches“ und verfügt über charismatische Führer, die Göttlichkeit beanspruchen. Die Gruppe wurde 1998 verboten. Ihr Gründer Liu Jiaguo wurde 1999 wegen Vergewaltigung in Henan hingerichtet. Ende 2012 hatte die in San Francisco ansässige Dui Hua Foundation nach eigenen Angaben Informationen über 52 Personen, die in Zusammenhang mit der Lehre der Obersten Gottheit eingekerkert wurden, wobei 16 davon noch im Gefängnis waren und innerhalb der vier vorausgegangenen Jahre verurteilt worden waren. Im Oktober 2012 wurden im Kreis Teng in Guizhou drei Anhängerinnen der Sekte wegen „Organisation/Benutzung eines Kults zur Untergrabung der Rechtsdurchsetzung“ zu Gefängnisstrafen verurteilt (AFP 31.12.2001; Xinhua 25.11.; www.duihuaresearch.org 12.12.2012; www.duihuaresearch.org/2014/07/identifying-cult-organizations-in-china.html).

25. November 2015:
Matteo-Ricci Preis an P. Angelo Lazzarotto PIME verliehen
Der Preis wird vom Fakultätsrat der Fakultät für Politik- und Sozialwissenschaften der Katholischen Universität Mailand (Sacro Cuore) verliehen. Bei der Preisverleihung hielt P. Lazzarotto eine Rede zum Thema „Die Aktualität Matteo Riccis zwischen Rom und Peking“. Der 90-jährige Mailänder Missionar hat viele Jahre in Hongkong gelebt und gilt als ausgewiesener Experte für Fragen der katholischen Kirche in China. Er widmete den Preis den Christen in China, die innerhalb des komplexen Kontextes der Situation der Kirche daran gearbeitet hätten, den Traum Matteo Riccis zu verwirklichen.
P. Lazzarotto wurde am 14. Mai 1925 in Falzè di Pave/Treviso geboren und 1947 bei den Mailänder Missionaren zum Priester geweiht. 1957, nach Begegnungen mit heimgekehrten China-Missionaren, begann er seine Tätigkeit in Hongkong, wo er u.a. als Rektor des Catholic Centre arbeitete. 1965 ging er als Mitglied des Generalrats nach Italien zurück. Nach seiner Rückkehr nach Hongkong 1979 baute P. Lazzarotto zusammen mit dem heutigen Kardinal John Tong das diözesane Holy Spirit Study Centre als Forschungszentrum über die Situation der Kirche in China auf. 1985 kehrte er endgültig nach Italien zurück, um zunächst als Rektor des Internationalen Missionsseminars an der Urbaniana in Rom zu arbeiten. Jährlich bereiste er China, bis ihm 2011 die Einreise verweigert wurde. P. Lazzarotto hat ein reiches Schrifttum zur Kirche in China veröffentlicht. Der Internationale Matteo-Ricci Preise wurde erstmals 1999 vergeben (Eglises d’Asie 2.12.; Hong Kong Sunday Examiner 21.11.; www.unicatt.it).

26. November 2015:
China Daily: Chinesische NGOs engagieren sich zunehmend auch im Ausland
Nach Angaben des stellvertretenden Leiters des chinesischen NGO-Dachverbandes CANGO, Huang Haoming, die China Daily wiedergab, werden neuerdings immer mehr Projekte von chinesischen NGOs im Ausland aufgebaut. Bisher führen fast 100 chinesische NGOs und Stiftungen Projekte im Ausland durch, vorwiegend in Südostasien und Afrika, inzwischen aber auch schon in den USA und in europäischen und südamerikanischen Ländern. Während chinesische NGOs sich früher vorwiegend bei Katastrophen im Ausland engagierten, werden jetzt verstärkt auch reguläre Projekte in anderen Ländern durchgeführt. In China gibt es zurzeit 4.600 Stiftungen und ca. 600.000 Wohltätigkeitsorganisationen. Der chinesische Staat wird wahrscheinlich bald schon ein neues Wohltätigkeitsgesetz, Zhonghua renmin gongheguo cishan fa 中华人民共和国慈善法, verabschieden, mit dem diese Organisationen unterstützt werden sollen. Es wird erwartet, dass viele davon in der Zukunft auch im Ausland tätig sein werden. Die Asia Foundation, eine in den USA ansässige internationale Entwicklungs-NGO, hat inzwischen ein Handbuch veröffentlicht, welches chinesischen NGOs, die Projekte im Ausland durchführen wollen, Informationen zur Unterstützung dieser Bemühungen anbietet (China Daily 26.11.; EU-China Newsletter 2015, Nr. 5). Jan Kwee

26. November 2015:
Journalistin Gao Yu aus Gefängnis entlassen
Die 71-jährige Journalistin Gao Yu, u.a. Mitarbeiterin der Deutschen Welle, wurde im April zu sieben Jahren Haft verurteilt. Jetzt wurde in einem Revisionsprozess ihre Strafe von sieben auf fünf Jahre reduziert. Wegen einer schweren Herzerkrankung kann der Vollzug der Strafe zudem „vorerst außerhalb des Gefängnisses“ stattfinden. Gao Yu wurde 2014 aufgrund „Verrats von Staatsgeheimnissen“ festgenommen. Sie wurde beschuldigt, 2013 ein internes Parteidokument ans Ausland weitergegeben zu haben. Ausländische Regierungen und Menschrechtsorganisationen hatten das Urteil wiederholt als politisch motiviert kritisiert. U.a. hatte sich die diözesane Kommission Justitia et Pax von Hongkong für die Freilassung der Journalistin eingesetzt (www.faz.net 26.11; www.spiegel.de 26.11.; www.zeit.de 26.11; s. auch China heute 2015, Nr. 3, Chronik, 5. August 2015).

30. November 2015:
Zhu Weiqun erinnert an die Ermittlung des staatlich eingesetzten Panchen Lama vor 20 Jahren – „Reinkarnation Lebender Buddhas fällt unter Souveränität Chinas“
In einem Kommentar in der parteinahen Huanqiu shibao (Global Times) erinnerte der Parteipolitiker Zhu daran, dass der 11. (offizielle) Panchen Lama Gyaltsen Norbu am 29. November 1995 in Lhasa durch das „Los aus der Goldenen Urne“ ermittelt worden sei – ein Vorgang, der nicht nur für den Buddhismus, sondern auch als „Ausdruck der Souveränität der chinesischen Zentralregierung über Tibet und ihrer höchsten Entscheidungsautorität in Angelegenheiten der Reinkarnation Lebender Buddhas“ von großer Bedeutung gewesen sei. Zhu legt dar, dass „ebenso wie bei den Dalai Lamas“ die Suche und Bestätigung der Panchen Lamas unter chinesische Souveränität falle, und zwar seit dem 18. Jh. Der 14. Dalai Lama habe Anfang 1995 „eigenmächtig“ ein Kind als Reinkarnation des Panchen Lama festgelegt, dadurch den durch die Zentralregierung eingeleiteten Suchprozess gestört und sein „wahres Gesicht“ als Separatist und Zerstörer der tibetischen buddhistischen Tradition gezeigt. Der 14. Dalai Lama sage immer öfter, dass nur er selbst über seine Reinkarnation entscheiden könne. In Wirklichkeit aber sei seine Reinkarnation keine rein religiöse Angelegenheit, sondern „in erster Linie eine wichtige lokale politische Angelegenheit für Tibet“, in der Chinas Souveränität über Tibet zum Ausdruck komme (opinion.huanqiu.com/1152/2015-11/8069191.html).
Zhu Weiqun leitet das Komitee für ethnische und religiöse Angelegenheiten der Politischen Konsultativkonferenz (PKK). Der staatlich eingesetzte Panchen Lama hat seit 2013 auch eine offizielle politische Rolle als Mitglied des Ständigen Ausschusses der PKK. Die vom Dalai Lama bestätigte Reinkarnation des Panchen Lama, der damals sechsjährige Gedhun Choekyi Nyima, wurde am 18. Mai 1995 von den chinesischen Behörden an einen unbekannten Ort gebracht. Vgl. auch China heute 2015, Nr. 2, Chronik, 4. März, 17. Mai und 10. Juni 2015, sowie die Einträge vom 24.–25. Oktober und vom 9. November 2015.

8. Dezember 2015:
Papst Franziskus öffnet die Heilige Pforte des Petersdoms zum „Jahr der Barmherzigkeit“ – große Beteiligung in China
In der katholischen Kirche Festlandchinas ist das Echo auf das von Papst Franziskus ausgerufene Heilige Jahr sehr groß – in den Gemeinden im „Untergrund“ ebenso wie in der staatlich anerkannten offiziellen Kirche. In vielen Diözesen wurden Hirtenbriefe aus diesem Anlass geschrieben und feierlich Heilige Pforten geöffnet (siehe die Impressionen in der Dokumentation). Gemeinden studierten die Bulle „Misericordiae vultus“, mit der der Papst im April 2015 das außerordentliche Heilige Jahr ankündigte, und planten weitere Aktivitäten für das Jahr.
Zur Botschaft der Barmherzigkeit und der Kirche in China siehe auch den Beitrag von Paul Han in den Themen dieser Nummer.

23. Dezember 2015:
Leitung der Chinesischen islamischen Vereinigung tagt – BRA fordert „Festhalten an der Sinisierung“
Auf der 3. Sitzung des 9. (erweiterten) Ständigen Ausschusses der Chinesischen islamischen Vereinigung (CIV) – des offiziellen Dachverbands der Muslime in China – sprach auch Jiang Jianyong, Vizedirektor des Staatlichen Büros für religiöse Angelegenheiten. Er nannte als aus Sicht des Staates wichtige Arbeitsfelder für die CIV vertiefte Koranexegese, Bekämpfung des religiösen Extremismus, weitere Verbesserung der Hadsch-Organisation, Wohlfahrtsaktivitäten sowie die aktive Entfaltung von freundschaftlichem Austausch mit dem Ausland als Dienst für die allgemeinen Außenbeziehungen des Staates. Jiang forderte die Muslime auf, an der Richtung auf Sinisierung hin festzuhalten und die 10. Nationalversammlung der Vertreter des chinesischen Islam gut vorzubereiten (chinaislam.net.cn 23.12.2015).

27. Dezember 2015:
Nationaler Volkskongress verabschiedet Chinas erstes Anti-Terrorismus-Gesetz
China sei einer wachsenden terroristischen Bedrohung ausgesetzt, erklärte An Weixing vom Ministerium für öffentliche Sicherheit auf einer Pressekonferenz zu diesem Anlass. Zhu Zunyou vom Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht stellte in The Diplomat fest, dass die enormen zusätzlichen Ermessensspielräume und Eingriffsvollmachten, die das Anti-Terrorismus-Gesetz (反恐怖主义法) der Regierung zugesteht, sich unweigerlich auf grundlegende Menschenrechte auswirken werden.
„Religion“ wird an einigen Stellen des Gesetzes explizit erwähnt. In § 4, der die Strategie der Terrorismusbekämpfung umreißt, heißt es u.a.: „Der Staat bekämpft alle Formen des Extremismus, wie die Anstiftung zu Hass und Diskriminierung und die Propagierung von Gewalt durch Verzerrung religiöser Lehren und andere Methoden, um so dem Terrorismus die ideologische Grundlage zu entziehen“ (The Diplomat 23.01.2016; Reuters 28.12.2015; Xinhua 27.12.2015; Text und inoffizielle englische Übersetzung bei chinalawtranslate.com).

28. Dezember 2015:
Ehemaliger Vizegouverneur von Ningxia u.a. wegen „abergläubischen Aktivitäten“ aus der Partei ausgeschlossen – neue Vorschriften für Disziplinarstrafen
Bai Xueshan werde wegen „schwerwiegenden Verstößen gegen die Disziplin“ aus der Partei ausgeschlossen, gab die Zentrale Kommission für Disziplin-Inspektion der Kommunistischen Partei Chinas auf ihrer Website bekannt. Unter anderem beschuldigte die Kommission den ehemaligen Vizegouverneur, „lange Zeit abergläubische Aktivitäten betrieben zu haben“. Laut South China Morning Post, die sich auf einen Zeitungsbericht berief, ging es dabei um Bais Leidenschaft für fengshui – d.h. für die geomantischen Prinzipien, die in der traditionellen Volksreligiosität eine große Rolle spielen. So soll er als Parteisekretär der Stadt Wuzhong, um das fengshui der Stadt zu verbessern, ihre Ausdehnung in Richtung Gelben Fluss betrieben und in der Stadt Brunnen sowie einen riesigen Dreifuß aufstellen lassen haben.
Am 1. Januar 2016 traten revidierte „Vorschriften für Disziplinarstrafen der KP Chinas“ in Kraft, die erstmals Strafen für Parteimitglieder aufführen, die abergläubische Aktivitäten organisieren oder an ihnen teilnehmen (§ 58). Strafen sind auch vorgesehen für Organisation und Ausnutzung religiöser Aktivitäten in Widersetzung gegen Politik und Beschlüsse der Partei sowie für Organisation von oder Teilnahme an religiösen Geheimgesellschaften und häretischen Organisationen (AsiaNews 4.01.2016; ccdi.gov.cn 28.12.2015; South China Morning Post 29.12.2015; Xinhua 28.12.2015; Text der neuen Vorschriften unter www.ccdi.gov.cn/special/ljzl/tl_ljzl/201510/t20151022_63873.html).

Katharina Feith
Katharina Wenzel-Teuber

Alle Quellenangaben in der „Chronik“ beziehen sich, wenn nicht anders angegeben, auf das Jahr 2015.

Aus China heute 2015, Nr. 4, S. 220-225, und China heute 2016, Nr. 1, S. 9-10.

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