Karl Josef Rivinius SVD
Offizielles Selbstverständnis Chinas
Das „Reich der Mitte“ verstand sich seit seiner Gründung nicht nur als Zentrum der Welt, sondern auch als Gipfel der Kultur und Zivilisation, dem sich alles unterzuordnen hatte. Die fremden Länder und Völker, auch die Europäer, galten im konfuzianischen Weltbild als „Barbaren“, als Kontrastbild der eigenen Kultur und Gesellschaft, die sich seinem Selbstverständnis gemäß als untergeordnete Herrschaften in einem tributpflichtigen Verhältnis zum chinesischen Reich befanden, obwohl sie der kaiserlichen Administration nicht direkt unterstanden. Gesandte eines jeden Landes, die in einem streng geregelten rituellen Vollzug am Hof ihre Unterwürfigkeit bekundeten, wurden als Tributgeber registriert. Im Gegenzug bedachte man sie mit opulenten Geschenken und klangvollen Titeln. In der Regel durften lediglich solche Völker im Reich der Mitte offiziell und legal Handel treiben, die dem Kaiserhof Tribut entrichtet hatten. Bei diesem auf Prestige bedachten Tributsystem, das als herrschafts- und systemstabilisierendes Instrument der kaiserlichen Außenpolitik fungierte und die Anerkennung sowie die Verbindlichkeit der chinesischen Zivilisation und Weltordnung garantierte, ging es nicht um eine Kosten-Nutzen-Rechnung. „Die Rentabilität des Systems spielte keine Rolle, im Gegenteil: der Aufwand des Kaiserhofes musste deutlich höher sein als die Erträge. Es ging um die Demonstration der eigenen Pracht, um Prestigegewinn sowie um die Festigung von Hierarchien. Das System war bloß für die Tributgeber lukrativ: indem diese die Überlegenheit des chinesischen Reiches formal anerkannten, sicherten sie sich gute Geschäfte.“
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