Shaolin im diskursiven Wandel der Zeiten: Machtkämpfe um die Kampfkunst (Teil 1)

Carsten Krause und Leo Maximilian Koenig

Inhalt
Teil 1:
Einleitung
Shaolin: Ein Kloster voller Geschichte und Geschichten
Die diskursive Welt der Zweifel an Shi Yongxin
  Phase 1: Der lange Weg zur Inauguration als Abt
  Phase 2: Der zwielichtige Aufbau eines Imperiums
Teil 2 (in der nächsten Ausgabe):
  Phase 3: Die inoffizielle Bedrohung von unten
  Phase 4: Das offizielle Ende von oben und die mediale Rezeption
Ausblick

Einleitung
Die Erfolgsgeschichte des Shaolin-Klosters nahm im 6. Jh. ihren Anfang, so könnte man meinen. Denn da soll Bodhidharma aus Indien, später verehrt als der sogenannte erste Patriarch der Chan-Schule, die auch als Zen-Schule bekannt wurde, im Song-Gebirge in der heutigen Provinz Henan meditiert und gelehrt haben. Mehr noch aber dürfte der legendäre Ruhm des Shaolin-Klosters mit der einstigen Kampfgruppe von 13 buddhistischen Mönchen Anfang des 7. Jh. in Verbindung zu bringen sein, die den Tang-Kaiser im Kampf gegen Aufständische unterstützten. Auf ihrer Überlegenheit – und ihrer kaiserlichen Anerkennung – fußte die erst viel später ab dem 15. Jh. systematischer betriebene und immer weiter entwickelte Kampfkunst.

Aber lange liegen diese Zeiten zurück, und nichts davon war vor hundert Jahren noch übrig, außer in den überlieferten Schriften. Im Gegenteil, 1928 ging als das Jahr in die Geschichte ein, in dem das Kloster in den Wirren der Kämpfe verschiedener Warlords einem desaströsen Brand zum Opfer fiel. Und es kam noch schlimmer: Die Machtübernahme durch die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) führte seit den 1950er Jahren zu Enteignungen der über die Jahrhunderte erworbenen Ländereien und zur Dezimierung des ohnehin kleinen Klerus. In der sogenannten „Kulturrevolution“ (1966–1976) war schließlich – wie fast überall in China – gar keine religiöse Praxis mehr möglich.

In der jüngeren Geschichte verdankt das Shaolin-Kloster nun seinen weltweiten Ruhm ganz anderen Faktoren. Und von fast der ersten Stunde an war jener Mann mit dabei, der später zum Abt des Shaolin-Klosters wurde und der dessen Entwicklung bis Sommer 2025 wie kein anderer mitprägte – Liu Yingcheng 刘应成. 1965 in der Nachbarprovinz Anhui geboren, entschloss er sich im Jahr 1981 als Sechzehnjähriger, im Shaolin-Kloster Novize und später Mönch zu werden – fortan unter dem Mönchsnamen Yongxin 永信.

Der folgende Überblick soll dazu dienen, die jüngere Entwicklung des Shaolin-Klosters und die Rolle seines Abts in ihrer diskursiven Vielfalt nachzuvollziehen. Im Zentrum steht dabei eine Auswahl an öffentlich zugänglichen Quellen, sowie das Bemühen, eine grobe Periodisierung vorzunehmen und die Vielschichtigkeit der medialen Rezeption zu beleuchten.
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