Katharina Wenzel Teuber
Religionssoziologische Studien chinesischer Autoren sind zurzeit auch häufig in außerhalb Chinas erscheinenden englischsprachigen Zeitschriften verschiedener Fachbereiche zu finden, neben Religionswissenschaft auch Soziologie, Psychologie oder Wirtschaftswissenschaften. Ein zentrales Thema, das in den Jahren 2024/2025 häufiger untersucht wurde, war der Zusammenhang zwischen Religion und Vertrauen. Vier Studien hierzu werden im ersten Teil des statistischen Updates vorgestellt. Im zweiten Teil folgen Zahlen zu den fünf großen Religionen Festlandchinas. Für den Buddhismus, den Daoismus, den Islam und die protestantischen Kirchen bleibt es bei den bisher bekannten Basisdaten, für die katholische Kirche gibt es aktualisierte Zahlen aus dem Jahr 2025.
Religion und Vertrauen
Vertrauen ist eine Voraussetzung für das Zusammenleben von Individuen in Gruppen und in der Gesellschaft. In den Sozialwissenschaften wird soziales Vertrauen als wesentlicher Bestandteil des Sozialkapitals verstanden. Der Begriff „Vertrauen“ – chinesisch xin 信 oder xinren 信任 – spielt auch im politischen Diskurs der VR China eine wichtige Rolle. Bereits in den 1990ern diagnostizierten öffentliche Intellektuelle in China eine „dreifache xin-Krise“ (san xin weiji 三信危機), d.h. eine Krise der Zuversicht (xinxin 信心), des Vertrauens (xinren) und des Glaubens (xinyang 信仰). Dem setzt die Partei unter Xi Jinping unter anderem die Idee des „vierfachen Selbstvertrauens“ (si ge zixin 四个自信) entgegen. Die chinesischen Wissenschaftler, deren auf Englisch publizierte Untersuchungen über die Auswirkungen von religiösem Glauben auf das soziale Vertrauen hier vorgestellt werden sollen, benutzen den Begriff trust oder social trust. Chinesische Begriffe tauchen in ihren Texten nicht auf; nur an zwei Stellen lässt sich belegen, dass trust für das chinesische xinren 信任 steht. Während die erste Studie von Zhao Deze generell nach dem Einfluss von religiösem Glauben auf soziales Vertrauen in China fragt, befasst sich die zweite von Tu Bingqiang mit ebendiesem Phänomen in „ethnischen Gebieten“. Die dritte Studie des Autorenduos Cai Yongshun und Hung Sin Yu untersucht das Verhältnis von Religion und Vertrauen in Hongkong. Am sehr konkreten Beispiel der Mülltrennung im ländlichen Shaanxi betrachtet die vierte hier besprochene Studie (Chu Liqi et al.) die Auswirkung von Religion auf Sozialkapital und gesellschaftliche Kooperation. Drei der Artikel enden mit Handlungsempfehlungen an die Politik.
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