Leopold Leeb
Die folgende Darstellung der schriftstellerischen Aktivitäten von Zhang Chengzhi 张承志, die gleichzeitig auch sein Leben in China und Japan wiederspiegelt, basiert auf der „Liste der großen Ereignisse in Zhang Chengzhis literarischem Schaffen“ („Zhang Chengzhi wenxue chuangzuo da shiji“ 张承志文学创作大事记), die in der zwölfbändigen Ausgabe seiner Schriften (Zhang Chengzhi wenji 张承志文集, Shanghai wenyi chubanshe 2015) zu finden ist. Die darin enthaltenen Angaben wurde durch Informationen aus Gesprächen des Verfassers mit Zhang und seiner Frau Suo Sa 索飒 ergänzt.
Zhang Chengzhi, geboren in Beijing im Jahr 1948, stammt aus einer in Jinan, Shandong, ansässigen muslimischen Familie. Ein Onkel seiner Mutter war maßgeblich an der Gründung der berühmten muslimischen Chengda-Schule im Jahr 1925 in Jinan beteiligt. Zhangs Eltern ließen sich dann in Beijing nieder. Sein Vater starb, als Zhang erst ein Jahr alt war. Die Mutter war sehr darauf bedacht, den Kindern eine gute Schulbildung zukommen zu lassen; er wuchs aber in einer nach 1949 völlig säkularisierten Umwelt auf. Auch in seiner Familie war seine Großmutter die einzige, die in der winzigen Küche die rituellen Waschungen vornahm und dann betete. Seine Mutter wagte es nicht, ihren Glauben zu zeigen. Erst viel später (1980) entdeckte Zhang den islamischen Glauben und begann im Selbststudium Koranarabisch zu lernen.
Die Familie wurde 1958 in das damalige „Dorf“ Sanlitun östlich der Stadtmauer umgesiedelt. Man lebte in ärmlichen Verhältnissen. Zhang Chengzhi war ein Schüler am renommierten Gymnasium der Qinghua University, als die Kulturrevolution begann (1966). Er war von den kommunistischen Idealen („gegen die Korruption des Systems kämpfen“, „zum Volk gehen“) begeistert und hatte zum ersten Mal in einem Aufsatz den Ausdruck „rote Garden“ (hong weibing 红卫兵) benutzt. Auch heute noch identifiziert er sich damit und meint, dass die „roten Garden“ einseitig verteufelt würden. Er habe in der Abgeschiedenheit der Steppe Gelegenheit gehabt, das Ideal der „Volksnähe“ zu verwirklichen. Nach seinem Abschluss im Jahr 1967 wurde er wie viele andere Jugendliche von Beijing aufs Land geschickt, und zwar in die Innere Mongolei, nach Ujimqin (chin. Wuzhumuqin 乌珠穆沁) im Kreis Xilin Gol, was etwa 500 km nördlich von Beijing liegt. Dort lebte er vier Jahre in der Kargheit der Grassteppe. Er hütete Schafe, ritt Pferde und lernte Mongolisch. Die Familie, bei der er wohnte, nahm ihn wie einen Sohn auf, und er pflegte diese Bande später durch Besuche oder Anrufe sein ganzes Leben lang. Man sprach fast nur Mongolisch. Ein paar Dutzend Kilometer von ihm entfernt lebte die Beijinger Studentin Suo Sa, seine spätere Frau, unter ähnlichen Bedingungen in einer mongolischen Siedlung. Sie erinnert sich: „Ich hütete Rinder, er hütete Schafe, aber wir wussten nichts voneinander.“ Die beiden haben sich später in Beijing kennengelernt und dann geheiratet.
Zhang Chengzhi lernte auch Japanisch, das ihm wie zur zweiten Muttersprache wurde, etwas Kasachisch und ein wenig Uigurisch. Von den westlichen Sprachen ist ihm Spanisch am nächsten, und mit seiner Frau Suo Sa kann er sich auf Spanisch verständigen, auch durch die gemeinsamen Reisen nach Spanien, Kuba, Mexiko und Peru. Sein Arabisch ist auf das Koran-Lesen beschränkt, aber er hat auch einige Kalligrafie-Schöpfungen versucht, so z.B. das Wort „Licht“ in viersprachiger Kalligrafie auf Chinesisch, Japanisch, Mongolisch und Arabisch. Für ihn wurde Japanisch das „Tor zur Welt“, weil er dadurch viele ins Japanische übersetzte westliche Werke lesen konnte, aber auch islamische Studien und Koran-Übersetzungen, die für chinesische Imame praktisch unzugänglich sind.
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