Leopold Leeb
Die frühen Versuche, chinesische Priester auszubilden
Im Jahr 1305 schrieb der erste große Franziskanermissionar in China, Giovanni da Montecorvino (1246–1328), einen Brief nach Rom, in dem er zum ersten Mal die Ausbildung von katholischem Klerus andeutete:
Ich habe allmählich 150 heidnische Knaben erworben, die zwischen sieben und elf Jahre alt sind und die vorher nichts von Religion wussten. Diese habe ich getauft und nach unserem Ritus erzogen, ihnen Latein und Griechisch beigebracht, und ich habe für sie Psalmengebetbücher und andere hilfreiche Dinge geschrieben. Unser Kaiser hier erfreut sich sehr an ihrem Gesang.
Obwohl Montecorvino im Jahr 1308 zum Bischof geweiht wurde, ist nicht bekannt, dass er einen seiner Schüler zu einem Diakon oder Priester geweiht hätte. Leider sind Zeugnisse dieser ersten, so hoffnungsvollen Mission in den Wirren des Dynastiewechsels von der Mongolenherrschaft zur Ming-Dynastie gänzlich verschwunden, und in China ist nicht ein einziges Dokument, Steinmonument oder Gebäude geblieben, das von der kirchlichen Kultur jener Zeit Zeugnis ablegt. Auch der Wandermönch Odoric da Pordenone, der etwa von 1325 bis 1328 in Beijing war, erwähnt in seinem Bericht keine chinesischen Priester.
Die zweite katholische Missionswelle erreichte den fernen Osten im 16. Jahrhundert mit dem führenden Jesuiten Franz Xaver, der 1549 nach Japan kam und bald große Erfolge verzeichnete. Es dauerte aber ein halbes Jahrhundert, bis der erste japanische Priester Sebastian Kimura 木村 im Jahr 1601 geweiht werden konnte. Nur ein Jahrzehnt später setzte schon die große Kirchenverfolgung in Japan ein. Damals war die portugiesische Hafensiedlung Macau das Zentrum der Seminarausbildung, und viele der chinesischen Jesuitenkandidaten erhielten ihre Grundausbildung dort. Zwischen 1591 und 1634 schlossen sich fünfzehn junge Chinesen dem Jesuitenorden an. Einige von ihnen wurden erfolgreiche Katechisten und Missionare, aber keiner von ihnen wurde zum Priester geweiht, und zwar aus mehreren Gründen: Erstens hatten manche portugiesische Missionare in Macau kein Vertrauen in die Chinesen und meinten, sie wären eher geeignet, als Katechisten (Jesuitenbrüder) zu arbeiten, nicht aber als Priester. Ein zweites Problem war die Ausbildung in Latein, das als zu schwer für die Chinesen empfunden wurde. Daher wurde im Jahr 1613 der belgische Jesuit Nicholas Trigault von China nach Europa zurückgeschickt, um bei Papst Paul V. die Erlaubnis zu erwirken, die Messe in chinesischer Sprache lesen zu dürfen, sodass auch Chinesen, die kein oder nur ganz wenig Latein verstanden, geweiht werden konnten. Diese Erlaubnis wurde im Jahr 1615 auch tatsächlich gegeben: Die Bibel sollte in die chinesische Sprache übersetzt werden, und sowohl Missionare als auch chinesische Priester sollten die Messe auf Chinesisch feiern dürfen. Ein Problem der Bibelübersetzung war dabei die Frage der umstrittenen chinesischen theologischen Fachausdrücke (die sog. „Terms Question“). So wurde der offizielle Name für „Gott“ im Jahr 1627 auf tianzhu 天主 (Himmelsherr) festgelegt, während andere Versionen wie shangdi 上帝 (Herrscher in der Höhe) und tian 天 (Himmel) unterdrückt wurden. Der Hauptgrund, warum danach keine chinesischen Priester geweiht wurden, war aber die Unruhe in der späten Ming-Zeit. Ab den 1620er Jahren bedrohten die Mandschus das chinesische Reich, die Missionare wurden zwischen 1616 und 1620 vertrieben, und die gelehrten Jesuiten in Beijing (einer von ihnen der Kölner Astronom Johann Adam Schall von Bell, 1592–1666) waren zum Teil mit wissenschaftlichen Studien beschäftigt. Sie dachten nicht an die Ausbildung von jungen Klerikern. Weniger bekannt als P. Schall ist der Italiener P. Luigi Buglio SJ (1606–1682), der seine letzten Jahrzehnte in Beijing verbrachte und dort nicht nur das Missale Romanum (Misa jingdian 弥撒经典, 1670), das Rituale für die Sakramentenliturgie (Shengshi lidian 圣事礼典, 1675) und das Breviarium (Siduo kedian 司铎课典, 1674), sondern sogar große Teile der Summa Theologiae des Thomas von Aquin (Chao xing xue yao 超性学要, 1654–1678) ins Chinesische übersetzte, wahrhaft eine gigantische Leistung und die Voraussetzung für Liturgie und Theologie in der chinesischen Sprache. Während aber die Jesuiten mit der Weihe von chinesischen Seminaristen zögerten (u.a. auch, weil es in China damals keinen Bischof gab), wendete sich um 1685 die Haltung der Päpste, und sie zogen die Erlaubnis für die Feier der Liturgie auf Chinesisch wieder zurück.
Es war dann Alexandre de Rhodes SJ (1593–1660), ein Pionier der Vietnam-Mission, der im Jahr 1645 zusammen mit einem chinesischen Seminaristen von Macau nach Europa aufbrach. Sein Begleiter Manuel Zheng Manuo 郑玛诺 (1633–1673) sollte in Italien Theologie studieren. Er wurde in der Folge zum ersten chinesischen Priester des Jesuitenordens geweiht, kehrte 1670 nach China zurück und erreichte 1672 sogar Beijing, starb dort aber leider schon ein Jahr später. [mehr…]

