Ein paradoxer Austausch: Institutionelle Asymmetrie und die Grenzen von religionsbezogener Einheitsfrontarbeit zwischen beiden Seiten der Taiwanstraße

Chang Kuei-Min

Es gibt keinen Austausch „von Volk zu Volk“ [wie von der chinesischen Seite propagiert], nur vom Volk zu Behörden. 
Interview mit einem religiösen Führer aus Taiwan, Beijing, Mai 2015

Einleitung 
Seit langem bemüht sich die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) intensiv darum, politische Ergebnisse in Taiwan zu beeinflussen, und wendet erhebliche Ressourcen für diesen Zweck auf. Seit den späten 1980er Jahren hat ihre Abteilung für Einheitsfrontarbeit Austauschprogramme „von Volk zu Volk“ als Operationen der Einflussnahme durchgeführt. Mit der wachsenden Macht Chinas benutzt Beijing unterschiedliche materielle und ideelle Anreize und Abschreckungsmaßnahmen, um ein Netzwerk an lokalen Kooperationspartnern zu kultivieren und Behörden zu bestrafen, deren Politik ihrer Ansicht nach chinesische Interessen verletzt (Wu − Tsai − Cheng 2017).

Volksreligiöse Begegnungen haben diese Wiederaufnahme von Beziehungen zwischen beiden Seiten der Taiwanstraße bereits vor dem Aufheben des offiziellen Verbots im Jahr 1987 eingeleitet. Mehr als 60 Prozent der taiwanischen Bevölkerung verehren Gottheiten in irgendeiner Form, und die Mehrheit der taiwanischen Kulte rund um Gottheiten hat ihren Ursprung in Festlandchina. Trotz anhaltender politischer Spannungen zwischen Beijing und Taipei bleiben volksreligiöse Begegnungen zwischen beiden Seiten der Taiwanstraße häufig. Aufgrund der gemeinsamen spirituellen Abstammung (lineage) werden taiwanische Tempelleiter und -gemeinschaften als besonders aufnahmebereit für chinesischen Einfluss wahrgenommen. 
Die vorhandene Literatur konstatiert, dass Beijings Einheitsfrontarbeit hauptsächlich um zwei konkurrierende Strategien kreist. Zum einen stellt sie Tempelleitern, die in Politik und Wirtschaft aktiv sind, politische und wirtschaftliche Dividenden bereit, so etwa hochrangige Aufmerksamkeit und Zugang zum chinesischen Markt (Chang C. 2008; Chang – Tsai 2009; Ku – Hong 2021). Zweitens benutzt sie die materiellen und symbolischen Ressourcen chinesischer Herkunftstempel, um rituelle Netzwerke aufzubauen und die Identität entlang der Abstammungslinien von Tempeln zu stärken (Liu 2017; Lee 2018; Ho 2022). Der hier vorliegende Artikel fußt auf dieser Literatur, aber unterscheidet sich von den genannten Studien darin, dass er einen institutionellen Ansatz benutzt, um die Grenzen der Beijinger Einheitsfrontarbeit zu thematisieren. 

Aus institutioneller Perspektive hängt die Stärke von Beijings Operationen der Einflussnahme ab von 1.) den historischen Beziehungen der Zielgesellschaft in einer bestimmten Region zu China, und 2.) wie gut Beijing das dazugehörige institutionelle Denken handhaben kann. Zum Beispiel unterliegen die Teilnehmer an volksreligiösen Begegnungen zwischen beiden Seiten der Taiwanstraße unterschiedlichen religionspolitischen Herrschaftssystemen. Chinesische religiöse Institutionen sind zentralisiert und sehr stark staatlich reguliert, während taiwanische Volksreligionen gemeinschaftlich organisiert sind und ihre Legitimität aus der Wirkmacht der betreffenden Gottheit beziehen. Dies hat zwei Gruppen von Akteuren geschaffen, die von unterschiedlichen Anreizen angetrieben und von einer unterschiedlichen Handlungslogik geleitet werden (Chang K. 2023). Was treibt nun trotz dieser Kontraste in der Regierungsführung zu Politik und Religion auf beiden Seiten der Taiwanstraße die volksreligiösen Begegnungen weiterhin an? Wie beeinflusst die Asymmetrie der Institutionen die Effektivität der Maßnahmen Beijings?
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Gisling, 武当山玄帝殿 (Xuandi-Halle am Wudang Shan). Creative Commons. File: https://commons.wikimedia.org/wiki/File武当山玄帝殿.JPG

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